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Tim Etchells: Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?
Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?
(S. 21 – 31)

Surreal, hyperreal, rabenschwarz: Tim Etchells' Mikrogeschichten

Tim Etchells

Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?
Eine wahre Geschichte von der Erde und den Göttern

Übersetzt von Astrid Sommer

Aus: Endland, S. 21 – 31

Als dem Gott Apollo 12 und der Göttin Helena Söhne geboren wurden, war das das Thema im Himmel und am Namenstag der Zwillinge ­(Haferbrei und Spachtel) gab es eine Party, die die meisten nicht so leicht vergessen und an die manche sich nicht so leicht erinnern werden. Wein floss aus den Kanistern als gäbe es nie ein Ende und alle lachten laut und trugen diese mit phosphoreszierender gelber Flüssigkeit gefüllten Halsketten, was die Menschen zur Bonfire-Night verkaufen.


Gegen Ende des Tages, als die Kindlein schliefen und alle älteren Götter von der »Medizin« dösig waren, kämpften und tanzten die jüngeren Götter wie Herpes und Vesuv. Die junge Göttin Anastasia und einige andere hatten ihre phosphoreszierenden Ketten geöffnet und schnippten die Flüssigkeit wie einen leuchtend gelben Regen durch den Himmel auf die Erde. Überall auf der Welt schauten die Leute nach oben und schauten sich um – sie wussten, dass sich im Himmel irgendwas Tolles abspielen musste.


Nun, auf der Erde lebte zu dieser Zeit ein sehr hübsches Mädchen namens Naomi, und als Haferbrei und Spachtel älter wurden, verliebten sich beide in sie und machten daraus keinen Hehl – sie kamen auf die Erde und sagten es ihr, schickten Blumen und feinste Pralinen usw. ­Haferbrei und Spachtel waren in jeder Hinsicht unzertrennlich und Freunde – sie liebten es, zusammen geklaute Autos zu Schrott zu fah­ren, Kampfdrachen steigen zu lassen oder zu Beerdigungen zu gehen. Doch wie die Zeit so dahintröpfelte, wurde ihre Rivalität um die Liebe zu Naomi immer größer und sie verkrachten sich. Der eine nannte den anderen eine total verlogene blöde Sau und der andere schwor, nie mehr mit diesem Vollidioten zu reden.


Natürlich versuchten andere Götter – Scalectrix, Arschficker und Stricher – ein ernstes Wort mit den Zwillingen zu reden, sagten, es sei nicht göttlich, sich wegen einer Frau zu streiten und die Verhältnismäßigkeit müsse gewahrt bleiben – es nützte alles nichts. Erst als Haferbrei und Spachtel sich eine große Schlägerei in Yates’ Wine Lodge lieferten, bei der ein Schaden von mehr als 100 £ entstand, intervenierte ihre Mutter Helena.


Die Zwillinge stimmten ihrem Vorschlag zu, einen Wettkampf zu veranstalten. Der Gewinner würde um Naomi werben dürfen, während der Verlierer sich umgehend zu verpissen und sich fortan verdammt nochmal rauszuhalten hätte. Soweit einigte sie sich mit den Jungs darüber, überließ es aber ihnen, die »genaue Beschaffenheit«© des Wettkampfs unter sich auszumachen. Mit diesem Detail gingen die Probleme erst richtig los.


In Endland (sic!) gab es zu dieser Zeit eine entsetzliche und armselige Quizsendung namens QUIZOOLA!, die per Gesetz jeden Sa abend von 19:30 bis Mitternacht auf allen Kanälen lief und dienstags wiederholt wurde. Jeder wollte lieber bei diesem Scheißdreck gewinnen, als König oder im MENSA-Club oder wie Albert Schweitzer zu sein. ­QUIZOOLA! war das Schlagwort. DARAUF KANNSTE WETTEN! rief das Publikum und die ganze Sache war ein erniedrigendes Spektakel, wo Wissen zu bloßer Information verkommen war und von den menschlichen Fähigkeiten, von Vorstellungskraft und Fantasie nichts als kümmerliche Lügen übrig blieben.


Egal. Haferbrei und Spachtel beschlossen, ihren Wettstreit um Nao­mi bei QUIZOOLA! auszutragen und auf Leben und Tod zu spielen. Helena und die anderen älteren Götter waren bestürzt, als ihnen Gerüchte davon zu Ohren kamen, denn natürlich war es gegen die Regeln der Unsterblichen, an einer menschlichen Quizsendung teilzunehmen. Apollo 12 zitierte die Krieg führenden Zwillinge zu sich, tadelte sie und forderte sie auf, die Auseinandersetzung zu beenden. Doch beide Männer lehnten ab.


Es kam der Tag, und Spachtel und Haferbrei tranken beide eine Men­ge in der Pre-Show-VIP-Lounge. Sie stritten und verspotteten sich ­gegenseitig und auch ein paar andere Promis. Auf Sendung saßen die üblichen Teamchefs, Fred und Rosie West, hinter kitschigen Podesten und begrüßten ihre Gäste/Teamkollegen: Haferbrei und ein blasses Mädchen namens Leah Betts in Freds Team sowie Spachtel, der für Rosie neben Joe Haldeman spielte, einem kleinen, angeblich korrupten Reg.-beamten aus der Nixon-Ära.


Spachtel und Haferbrei sahen beide ziemlich mitgenommen aus. Von Anfang an schienen sie entschlossen, sich gegenseitig darin zu übertrumpfen, den Himmel und Gottesfurcht im Allgemeinen beim Studio­publikum in Misskredit zu bringen. Naomi (die extra für die Aufzeichnung in einem hübschen Kleid erschienen war) musste bei vielen ihrer Witze und anzüglichen Kommentare wegschauen und meistens lagen sie bei den Fragen, die sie beantworteten, daneben.


Spachtel wusste nicht, wer den unsichtbaren Stacheldraht erfunden hatte oder was die Hauptstadt von Spanien ist. Haferbrei wusste weder, wieviele Buchstaben das Alphabet hat noch den Namen des ersten schwarzen Papstes. Noch vor der Pause wurden sie von allen Zuschauern ausgelacht und Naomi wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.


Während im Fernsehen Reklame für Baby Sham (Fake Kids) lief, bespritzten sich Haferbrei und Spachtel gut sichtbar fürs Publikum mit Wasser und bewarfen sich anschließend mit Chips. Ein Handgemenge entstand. Lucozade (zu jener Zeit König der Götter) war darüber verärgert und griff schließlich ein, fuhr als leibhaftiger Blitz ins Studio und verursachte ein kolossales Schweigen, so total, dass man sogar die Spinnen beim Spinnen ihrer Netze hören konnte.


Er verbannte Haferbrei und Spachtel auf unmissverständliche Weise für immer aus dem Himmel und tadelte sie dafür, dass sie »Kraftausdrücke« benutzt hatten. Das Publikum klatschte und der Gastgeber von QUIZOOLA! (irgendein Schmarotzer namens Dick Turpin) bedankte sich bei Lucozade für dessen Hilfe und Erleuchtung. »Niemals in der gesamten 100jährigen Geschichte des Fernseh-Scheiß hatten wir solche störenden Kandidaten wie diesen 2« sagte er.


Verbannt in die Nacht, über die Laderampe der Shepperton Studios rausgeschmissen und in einem großen Container voller Müll gelandet, weinten Spachtel und Haferbrei ihre ersten echten »Tränen der Reue«© und die Sterne und Satelliten schauten herab und hatten – wie in jenen Tagen zu erwarten – kein Erbarmen.


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Sie waren noch nicht lange durch die nächtliche Stadt gelaufen, als sie von grausamen Dieben überfallen wurden, die ihnen das wenige stahlen, was sie an Geld, Kleidern und Kreditkarten hatten. »Lass ab deine Hand denn wir sind Götter«, sagte Haferbrei, der langsam nüchtern wurde, aber die Räuber kümmerten sich einen Dreck darum, und wenn sie Alierns aus dem All gewesen wären oder ihre Unterhosen über den Hosen getragen hätten oder was auch immer. »Halts Maul, Furzatem«, sagten die Räuber und »Haltet ein, Landratten« und »Chemische Keule« und jede Menge weitere Sprüche des Tages.


Nackt und vor Kälte zitternd hatten Haferbrei und Spachtel nichts als sich selbst um einander zu wärmen und sahen dabei aus wie ein Paar schwuler Bastarde auf dem Weg zu einer Andersherum-Party, Händchen haltend und schluchzend. Wie dem auch sei. Es wurde ihnen schnell klar, dass sie all ihre Probleme und Streitigkeiten vergessen mussten usw., wollten sie im kalten, herzlosen Exil der echten Welt überleben.


Wie sie Kleider von Wäscheleinen stahlen um etwas zum Anziehen zu haben, wie sie um Yen und polnische Münzen in der U-Bahn bettelten und wie sie im Rinnstein oder auf einem Parkplatz schliefen, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Und wie sie sich in der nächsten Nacht auf der Suche nach Schutz vor dem dicht fallenden Schnee in den riesigen Buchstaben eines roten Neonschildes zusammenkauerten, muss auch nicht weiter erwähnt werden, abgesehen von der Anmerkung, dass auf dem Schild folgender Spruch zu lesen war:


JONESTOWN WHISKY: DER GESCHMACK VON HIMMEL AUF ERDEN (was ironisch war).


Nur soviel sei gesagt: Haferbrei und Spachtel starben nicht und sie hatten Glück, dass sie nicht starben und nicht tot zu sein war ihr größter Erfolg in diesen drei (3) Monaten, die seit ihrem fürchterlichen Auftritt bei QUIZOOLA! vergangen waren.


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Lasst uns jetzt den Schauplatz wechseln. Während die verbannten Götter Spachtel und Haferbrei auf der Erde wandelten, all ihrer Macht entledigt und in bescheidene Jogginganzüge gekleidet, betrauerte ihre »echteste Liebe«© Naomi den Verlust zunächst nicht. Schließlich war sie ein modernes Mädchen und tickte nach einem anderen Takt. Und kaum waren die Götter aus dem Weg, ging sie mit einem anderen Kerl aus und fand einen Job im Café bei Woolworth.


So vergingen die Monate – sie wischte die Tische und ihr Kerl (der eine Art Rocker war) kam am Ende ihrer Schicht vorbei und plauderte mit ihr, worauf ihr Boss (der in den Wechseljahren war) ihr einen missbilligend-finsteren Blick zuwarf. Naomi fand das Café gar nicht so schlimm – genaugenommen mochte sie all die Seeleute oder LKW-Fahrer, die dort einkehrten und Geschichten erzählten von entlegenen Orten irgend­wo an der Fernstraße, die wie eine Schnellstraße ist, nur nicht ganz so schnell.


Egal. An einem bestimmten Punkt kam es für Naomi zu einem Umbruch, z.B. nahm sie zu und fühlte sich schlecht und unwohl in Teilen ihres Körpers. Auch hatte sie 1es Nachts einen Traum: Sie lebte in Amerika, in der Nähe der Grenze zu Mexiko. Im Traum musste sie die Grenze jeden Tag passieren – einmal morgens und einmal abends – und dabei verlor sie jedesmal irgendetwas Nützliches (eine Glühbirne oder eine Rasierklinge), was sie um ihr Erbe und ihren Überlebenswillen brachte. Dieser Traum verwirrte Naomi völlig und als sie aufwachte entschloss sie sich, Rob den Rocker fallen zu lassen und sich mit Haferbrei und Spachtel auszusöhnen. Sie suchte in den Anzeigenblättern nach Neuigkeiten und stellte Recherchen in den Nachtclubs und Vergnügungshallen an, wo sie früher immer herumgelungert hatten. Ohne Erfolg.


Tatsächlich waren die Brüder gezwungen gewesen, sich etwas normalere, menschlichere Namen zuzulegen, um sich vor den ständigen Prügeln zu schützen. Von Stund an liefen sie unter den Pseudonymen Crispin und Gibson durchs Leben und so schien es für alle Welt, wie der Dichter sagt, als wären Haferbrei und Spachtel verschwunden. Die Ex-Götter »Crispin« und »Gibson« hatten zusammen ungefähr soviel Glück wie Ex-Bergleute, Ex-Fallschirmjäger, Ex-Lovers und Ex-Knackis (d.h. verdammt wenig) und hatten ganz einfach eine Pechsträhne.


Wenn irgend jemand sie fragte wer sie seien und was zum Teufel es da zu glotzen gäbe, so waren sie Brüder und Reisende aus einem altertümlichen Land und sie glotzten überhaupt nicht sondern waren einfach nette Leute, die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten und Endland (sic!) besuchten, um Teile für eine Ölraffinerie zu beschaffen.


»Crispin« und »Gibson« taten ihr Bestes, sich dem Leben in Endland (sic!) anzupassen – sie übernachteten in einem ungeheizten Wohnheim der Heilsarmee und tranken Sake aus Flaschen, die noch in den braunen Papiertüten steckten. Die örtlichen Gebräuche – Firewalls im Winter, Spastiker-Klatschen und Stücke von Harold Pinter – befolgten die 2 peinlich genau und übernahmen beide die Gewohnheit, eine gebogene Pfeife zu rauchen. Wie dem auch sei. All diese Versuche der Tarnung und Verstellung verhinderten nicht, dass sie verprügelt und bedroht oder dass viele Male ihre Kleider geklaut wurden und natürlich wollte kein 1-ziger ihnen einen Job geben, denn ihre Haut war so schwarz wie privatisierte Kohle. Nur zur Weihnachtszeit war mal jemand nett zu ihnen, nämlich als ein paar von den Busfahrern sie zu einem Xmas-Essen mit ein oder zwei Stripperinnen einluden.


Neujahr 96 war, gelinde gesagt, ein verdammt deprimierendes Erlebnis für die Zwillinge. Sie zogen von Stadt zu Stadt und wieder zurück auf die Straße wie Jack Kerouac und trugen nur Coop-Jeans (blabla). Vereint in ihrem Elend schworen sich H&S einen kraftvollen Eid/Vorsatz für das Neue Jahr: Sollte einer (1) von ihnen auf Erden ermordet werden, dann würde der andere Naomi heiraten und sich für immer und ewig um sie kümmern. Wie weinten die Brüder als sie das sagten und die traurigen Autos donnerten vorbei und überließen sie dem Seitenstreifen und dem Regen, dort an der Toddington-Raststätte, Bristol, an der Auffahrt zur M6. Von all dem wusste Naomi nichts, natürlich nicht, sie war ja keine Telepathin.


Die Zeit verging, Telefongespräche durchkreuzten die Welt und Babys wurden geboren, aber das steht kaum in einem Zusammenhang mit dieser Geschichte oder mit den Schicksalen, von denen sie handelt. Auf dem ganzen Planeten dachte nur Naomi (seit langem vernachlässigt) viel an die Zwillinge. Sie versuchte sich auf andere Art zu vergnügen – sie wurde heroinabhängig, ging in Discos usw. – aber das funktionierte alles nicht so richtig. Jede Nacht saß sie in ihrer Küche, trank löslichen Kaffee mit heißem Wasser aus dem Wasserhahn und versuchte ein 500.000-Teile-Puzzle zu vervollständigen, das ein Feld aus Blut, Schlamm und Stacheldraht von der Schlacht an der Somme darstellte. Jedes Puzzleteil war wie der Körper eines toten Mannes geformt. Trotzdem konnte sie an nichts anderes als an Haferbrei und Spachtel denken und keinen »erholsamen Schlaf«© finden.


Eines Nachts rief Naomi in ihrem Schmerz die Götter um Hilfe an. Ihre Hände zitterten, als sie den Hörer abnahm und 0190 333 666 EWIGKEIT JETZT wählte. Sie musste zuerst »obszöne« Werbung für andere Dienstleistungen abwarten, bevor jemand vom »Himmel« in der Leitung war.


LIEBE BESIEGT ALLES, sagte der Typ am anderen Ende.


IN DIESEM MONAT SIND DIE PLANETENPOSITIONEN GÜNSTIG FÜR W­ISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNG UND MASSENPRODUKTION.


IN DIESEM JAHR SIND DIE STERNE SUPERGEIL FÜR DEIN SEXLEBEN fügte er hinzu – in breitem Lancashire-Akzent und mit einer theatralen Stimme, was an Analphabetentum grenzte.


Am nächsten Tag erschien Anastasia als flirrende und flimmernde Vision in Naomis Zimmer. Sie half Naomi ein bisschen mit dem Puzzle (sie vervollständigte eins der wirklich schwierigen Teile, mit 3 von einer Landmine zerfetzten Burschen), tauschte Diätempfehlungen mit ihr aus und kam dann zum eigentlichen Punkt ihres Besuchs. Anastasia legte eine Karte von Endland (sic!) auf den Tisch, deutete darauf und sagte Naomi, wo die Zwillingsgötter sich versteckt, ihre Namen geändert und die Gesichter maskiert hatten. Naomi verfolgte auf der Karte rote Straßen über blaue Flüsse, ihr Finger streifte Orte mit Namen wie Rotherspoon, Cardiff und Nigeria. Noch am gleichen Nachmittag brach sie auf, um die Freunde zu suchen, ihre wenigen Besitztümer im Kofferraum des Autos. Die süße Anastasia winkte zum Abschied und wünschte ihr Glück.


#


Z. d. Zt. des Jahres (April) waren »Crispin« und »Gibson« völlig am Ende und überlebten nur noch, indem sie Regenwasser tranken und ­Pappe aßen. Tatsächlich arbeitete »Crispin« in einer Fabrik während der industriellen Revolution und Sicherheit gehörte nicht zu den wichtigsten Dingen. Die Wände der Fabrik waren mit Sprüchen wie ANSCHAUEN ERLAUBT BERÜHREN VERBOTEN und FRISCH FROMM FRÖHLICH FREI geschmückt, aber gerade Letzteres schien nicht unbedingt auf die ­Belegschaft zuzutreffen, die von den Maschinen (die laut Betriebs­leitung zum Stricken der Zotteln und Knoten mit Draht und Wolle dienten, die man manchmal im Traum sieht) auf interessante und barbarische Weise für immer zu Krüppeln gemacht wurde.


Naomi brauchte einige Wochen, um die Zwillingsgötter ausfindig zu machen – eine Weile schien es, als wären Spachtel/Crispin und Hafer­brei/Gibson ihr immer einen Schritt voraus. Sie versuchte es beim Vermisstenamt und beim Fremdenverkehrsamt und engagierte in ihrer Verzweiflung schließlich einen verkrüppelten Detektiv, dessen kompromittierte Männlichkeit eine Art komplexe Metapher der Lage der Nation war, verknüpft mit Themen zeitgenössischer polymorpher Sexualität.


Ironside, der Chef (denn das war er) machte seine Arbeit gut und berechnete Naomi nur den halben Preis von dem, was auf seiner Visitenkarte stand. Er lächelte, als er ihr die Adresse des Hotels gab, das unten in der Nähe des Park&Ride-Parkplatzes lag und wo Spachtel/Crispin und Haferbrei/Gibson sich verkrochen hatten. Naomi ging frühmorgens hin; überall in den Zweigen der Alleebäume hatten sich alte Tonbänder verheddert und Plastiktüten hingen in Fetzen herab.


Beim Hotel musste Naomi den Hotelpagen bestechen (drei Küsse) und gelangte im Lastenaufzug nach oben – in der Hoffnung, so etwas wie eine Überraschung zu sein.


BEFREIT KEN LIVINGSTONE lautete das Grafitti im Lastenaufzug.


MR. BOOMBASTIC.


WER TRÄUMT DASS WAHRHEIT LÜGE IST?


Im Zimmer war nur »Gibson«, der im Bett lag und einen Film mit dem Titel PIG TROUBLE (Sowjet-Kino 1935) schaute, während »Crispin« bei der Arbeit in der Strickfabrik war. Es schien, als hielten sogar die Schauspieler im Fernsehen mitten in der Szene erstaunt inne und begännen zu weinen, als Naomi hereinkam und wieder mit Haferbrei/Gibson vereint war und es schien, als kämen sogar die Zimmermädchen draußen auf dem Flur angerannt und würden tanzen und singen, und es schien, als fielen sogar echte Rosenblätter© von der Decke und als regnete es phosphoreszierendes gelbes Zeug vom siebten Himmel auf die Piazza herunter. N. und Haferbrei/Gibson waren überglücklich.


Um sechs (6) Uhr, als Spachtel/Crispin noch nicht zurückgekehrt war, sorgten sie sich ein bisschen und stellten mit gedämpfter Stimme Vermutungen darüber an. Um sieben (7) machten sie sich große Sorgen und um acht (8) waren sie sicher, dass etwas nicht stimmte. Um neun (9) klopfte es an der Tür, aber weder Naomi noch Haferbrei hatten den Mut aufzumachen. Die Person (oder was immer es war) klopfte mehrmals, wartete und klopfte erneut, doch N. und H. konnten nichts tun außer still und unbeweglich dort auf dem Bett zu sitzen. Sie konnten hören wie die Person einen Stift und Papier herausholte und etwas schrieb, aber noch immer wagte keiner von beiden sich zu bewegen und herauszufinden was los war. Ihnen »schlug das Herz bis zum Hals«. Dann, nach einer Weile, glitt ein gelblicher Zettel unter der Tür durch und die Schritte der Person stolperten davon.


In einer Stille, in der man den Flügelschlag eines Schmetterlings hätte hören können, stand Naomi auf und nahm den Zettel, faltete ihn eilig auseinander und gab ihn Haferbrei, denn sie konnte nicht lesen. Haferbrei las laut vor und trotz des Inhalts versagten ihm seine Stimmbänder nicht den Dienst.


Die Notiz lautete:


Die Person Crispin Wurde Getötet Bei Ein Unfall


bei UNilever irgendwann heute. ENtschuldigung.


Mit freundlichen Grüßen…


Und dann eine unleserliche Unterschrift.


Naomi wurde ohnmächtig und Haferbrei fühlte sich auch ein bisschen schwach, als ob eine (1) Hälfte von ihm genommen worden wäre und niemals zurückkommen würde – als ob die Zellen in seinem Körper »entzweigerissen«© worden wären und, wie der Dichter sagte, love, love will tear us apart.


#


Ein Monat mit bizarren Träumen. Regenwolken in einem Büro­gebäude. Eine Glaskatze. Zwei Kinder an einem Dialysegerät. Ein Mann mit Dynamit um seinen Brustkorb.


In Haferbreis Traum (immer wiederkehrend) streiten die Götter über ihren Moral- und Verhaltenskodex. Die eine Gruppe besteht darauf, dass sie zu keinem bestimmten Verhalten – wie Maßstäbe setzen oder als verdammtes Vorbild auftreten – verpflichtet sind, da niemand mehr an sie glaubt. Eine 2. Gruppe argumentiert, dass Göttlichkeit ein immanenter Wert ist, dessen Essenz gewahrt werden muss, unabhängig von Änderungen in der Wahrnehmung (oder Nicht-Wahrnehmung) durch die äußere Welt. Im Traum sieht sich Haferbrei plötzlich das Wort ergreifen und also mit Leidenschaft aufschreien:


»Ja sicher, ihr olympischen Kameraden…«, sagt er, »ja sicher, da jagt ihr doch nur einem Phantom nach, ja sicher, damit wird doch nur die alte Stones/Beatles, Blur/Oasis-Debatte wieder aufgewärmt…«


Die anderen Götter (bes. Zeus) sehen Haferbrei an als habe er den Verstand verloren. Er schaut zurück, und erst nach ein oder zwei Minuten wird ihm bewusst, welchen Blödsinn er geredet hat.


Jeden Morgen erwacht Haferbrei von diesem Traum, schweißgebadet, mit trockenem Mund, Naomi an ihn geklammert, Tränen um Spachtel in seinen sperrangelweit aufgerissenen Augen.


Die Götter sind gerecht.


Als Apollo 12 sah, wie sehr Haferbrei gelitten hatte und wie sehr er Naomi Campbell liebte, sagte er, dass er ruhig wieder ein Gott sein könne und es gab eine Riesenparty oben im Himmel und eine Hochzeit – also genau das, womit alle guten Geschichten enden. Anastasia war Trauzeugin und Stricher war Brautführer. Alle Götter kamen – Asimov, Golgotha, Wainberg, Hologramm, Mr. Twinkle und Meerrettich genauso wie Barbie und Jupiter und viele andere. Es war ein legendärer Tag, weder von Tränen noch von Kämpfen beeinträchtigt.


Nur einmal weinte jemand, nämlich als Naomi und Haferbrei sich für eine Weile heimlich von der eigentlichen Party entfernten und zu diesem Tümpel im Wald gingen, durch den man runter auf die Erde schauen kann. Dort ließen sie durch die Wolken und durch den Smog ein oder 2 Tränen auf das zerstörte und verwahrloste Grab von Spachtel in Endland (sic!) fallen. Natürlich, sie vermissten ihn – aber das Versprechen, das sie sich und ihm gegeben hatten, hielten sie für immer und ewig.

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Tim Etchells

Tim Etchells

arbeitet als Theaterautor und Performer, Regisseur und Schriftsteller. Einem breiten Publikum ist er vor allem durch seine Arbeit mit der Performance-Gruppe »Forced Entertainment« bekannt, die er 1984 gründete: eines der einflussreichsten Theaterprojekte der letzten Jahrzehnte. Daneben erschloss sich Etchells andere künstlerische Ausdrucksformen als Schriftsteller (»Endland Stories« erschien erstmals 1999, im Jahr 2001 folgte »Dictionary for the Modern Dreamer«) und Performance-Künstler. Tim Etchells lebt im nordenglischen Sheffield und in New York.

Weitere Texte von Tim Etchells bei DIAPHANES
Tim Etchells: Endland

Tim Etchells

Endland

Übersetzt von Astrid Sommer

Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten

Maria hat wundertätige Kräfte und setzt den verkorksten Typen aus der Siedlung die Köpfe wieder ein, wenn sie sich aus der Verankerung gelöst haben. Von einem Tag auf den anderen wird Lisa von sämtlichen Automatiktüren der Stadt ignoriert – sie öffnen sich einfach nicht mehr. Wenn Homers »Ilias« nach Endland (sic) verlegt wird, heißen die Götter Haferbrei und Spachtel, Helena, Apollo 12, Aldi und Blowjob, und der Krieg findet in einer »gesetzlich vorgeschriebenen, jeden Samstag auf sämtlichen Kanälen laufenden« Quizsendung statt. Zwischen Sherwood Forest und Computerspiel, den Vorstadtsiedlungen, Einkaufshöllen und namenlosen Schlachtfeldern unserer Gegenwart sind die prekären Landschaften Endlands angesiedelt. Seine Trümmerfelder sind bevölkert von dilettierenden Zeitreisenden, Nacktputzern, Mördern und Fernsehansagern, von Mutanten, herumvagabundierenden Kindern, alleinerziehenden Müttern und marodierenden Söldnern. Virtuos verschränkt Tim Etchells verschiedenste Genres und Versatzstücke, spielt mit abgenutzten Wendungen aus Slang, Fernsehen und Popkultur, Werbung und Klatschpresse. Eine Schreibweise, die bisweilen geradezu körperlich schmerzt und zwischen irrwitziger Komik, äußerster Brutalität und abgründiger Traurigkeit hin und her schaltet. Eine Schreibweise, die sich nicht lange mit Realismus aufhält. Tim Etchells ist hierzulande vor allem durch seine Arbeit mit Forced Entertainment bekannt, »der derzeit brillantesten Theatergruppe Großbritanniens« (The Guardian). Mit »Endland« legt er ein Kompendium sardonischer Kurz- und Kürzestgeschichten, Gruselmärchen und Lehrfabeln für das digitale Zeitalter vor. Für den deutschen Leser wurde die Sammlung um elf bislang unveröffentlichte Texte erweitert.