208 Seiten, Broschur, zahlr. Abb.

ISBN 978-3-03734-421-7
ISSN 2235-4654

€ 30,00 / CHF 37,50

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ISBN 978-3-03734-471-2

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Digital Humanities

Der Begriff Digital Humanities umfasst so verschiedene Dinge wie online-basierte Recherche-Methoden, Digitalisierung von Papierbeständen sowie die Neuerfindung der Geisteswissenschaften im digitalen Zeitalter. Eine wissenshistorische Situierung des Phänomens orientiert sich an zwei Leitfragen. Legen sich die Geisteswissenschaften mit der Digitalisierung nur ein effizienteres Instrumentarium zu oder tauschen sie ihre epistemischen Ideale gegen jene aus den natur- und sozialwissenschaftlichen Fächern ein? Und: Wie verändert sich das geisteswissenschaftliche Rollenverständnis unter den Vorzeichen von Open Access, interaktiver Textproduktion, Wikipedia und digitalen Archiven? Entsteht ein neuer Typ des medial versierten Forschenden oder werden herkömmliche Tugenden wie Analyse, Kritik und Erkenntnis bloß in neue Formen übersetzt?

Inhalt

Im Zuge der Debatten um die Überproduktion der Geisteswissenschaften hat das Paraphrasieren eine Stigmatisierung erfahren. Vor dem Hintergrund einer binären Logik des literarischen Eigentums wird die Paraphrase zunehmend ausschließlich als eine Verschleierung des Plagiarismus verstanden, als ein parasitäres Schreibverfahren, dem kein wissenschaftlicher Mehrwert zugesprochen werden kann. Der vorliegende Essay will demgegenüber die substanzielle Bedeutung herausarbeiten, die der Paraphrase im geisteswissenschaftlichen Arbeitsprozess zukommt. In drei Annäherungsversuchen – einem historischen, einem analytischen und einem methodologischen – soll dabei zugleich ausgelotet werden, inwiefern ein differenziertes Verständnis literarischer Aneignungsprozesse die wissenschaftliche Öffnung gegenüber der Paraphrase und den sich hinter ihr verbergenden Textdynamiken voraussetzt.

Ein grundlegendes Distinktionsmerkmal des Übergangs zu einer von digitalen Techniken geprägten Forschungspraxis ist das Verhältnis und die Rolle von Text für die Erzeugung und Darstellung von Wissen. Sogenannte Enhanced Publications – genuin digitale Publikationen aus dem E-Science-Feld – werden in Abgrenzung zur Textpublikation und einigen seiner Eigenschaften entworfen. Mit der (impliziten) Kritik am Text geht auch eine Prekarisierung der Geisteswissenschaften als primär textbezogene Wissenschaften einher, die sich in einem positivistischen, wissenschaftstheoretischen Fundament von E-Publications äußert. Der Essay zeigt, dass die digital vermittelte Kritik am Text sowie die Neubestimmung von Forschung und Wissenschaft im E-Science-Kontext ein zeitlich bedingtes Verhältnis zwischen Technik und Wissen essenzialisiert. Die Bestimmung dieses Verhältnisses als ein Veränderliches verdeutlicht, dass die Präferenz für positivistische Ideen in techniknahen Diskursen der epistemische Effekt der intermedialen Verschiebung ist, die noch unabgeschlossen ist. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass E-Publications selbst immer stärker zuvor kritisierte Eigenschaften von Textpublikationen entwickeln werden.

Um 1980, so die These dieses Aufsatzes, tat sich etwas auf dem Gebiet des Geistes. Zunehmend verlor die Vorstellung, das Denken wäre lediglich eine Sache der Sprache, Logik und Rationalität – also etwas »im Kopf« – an Plausibilität. Was sich damals einstellte, war die heute gängige These vom Denken als situiertem, verkörperten und verteilten Vorgang; von einem Geist, der denkt, nur insofern er von Gerätschaften vermittelt und umgeben ist. Den Quellen dieses Wandels – dem Ende des »Boole’schen Traums« – wird hier in zweierlei Hinsicht nachgegangen: einerseits mit Blick auf deren populäre Vermarktung, insbesondere durch den Bücheragenten John Brockman und dessen Karriere als Wissenschaftsmacher; und andererseits mit Blick auf die wissenshistorisch zentrale Rolle, die das anbrechende Zeitalters des »Personal« Computers hierbei spielte, speziell die um 1980 entstehende Figur des »Nutzers«. Von Bedeutung ist das nicht zuletzt deswegen, weil, wie hier ebenso argumentiert wird, die Rede vom »situierten« Denken weit über diese Grenzen hinaus ihre Wirksamkeit entfalten sollte.

Journalistische Texte entstehen heute zunächst digital und online. Dieser Wandel muss als umfassender Paradigmenwechsel verstanden werden, der journalistische Kommunikation und die Rolle der daran beteiligten Akteure radikal verändert. Ein analoger Transformationsprozess wäre für die Geisteswissenschaften denkbar, ist bislang aber kaum erfolgt. Der vorliegende Beitrag zeigt ausgehend von einem Vergleich mit dem Printjournalismus, dass der Wandel für die Geisteswissenschaften ein großes Potenzial bereit hält, weil digitale Instrumente erlauben, Texte kollaborativ als Prozesse entstehen zu lassen und neue Publika zu erschließen. Die Analyse der Gründe für den Widerstand gegen das Prinzip »online first« in den akademischen Geisteswissenschaften weist einerseits auf die starke Rolle der Gatekeeper hin, die Karrieren und Reputation ausgehend von konservativen Vorstellungen kontrollieren, andererseits auf eine Bedrohung der »humanities«, weil der Einbezug digitaler Werkzeuge die Fragen aufwirft, wie maschinelle Verfahren oder Diskussionen in sozialen Netzwerken in ein Konkurrenzverhältnis zum akademischen Diskurs der Geisteswissenschaften treten könnten.

Der Artikel wirft einen kritischen Blick auf die Digitalisierungsbegeisterung des 21. Jahrhunderts und daraus entstehende Quantifizierungsversuche in den Geisteswissenschaften. Anhand des als Vorbild verstandenen Google Ngram Viewers wird demonstriert, wie problematisch die Anwendung großer, undurchsichtiger Korpora auf mehreren Ebenen ist. Neben technischen und konzeptionellen Mängeln kommen auch Fragen zum Verständnis und der Analyse von »Kultur« auf. Ein zweiter Teil skizziert als Gegenvorschlag die Möglichkeiten sorgfältig erarbeiteter kleiner Korpora, die neue Erkenntnisse dank neuer digitaler Methoden versprechen und heute bereits erfolgreich in den Geisteswissenschaften angewendet werden.

123–144 Omar W. Nasim: Was ist historische Epistemologie?
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In diesem Aufsatz geht es wesentlich um die Antwort auf eine Frage: Was ist historische Epistemologie? Die Antwort darauf erfolgt in mehreren, aufeinander aufbauenden Schritten. In einem ersten Schritt skizziert der Autor die historische Landschaft der Probleme und Herausforderungen, mit denen sich die historische Epistemologie auseinandergesetzt hat und künftig auseinandersetzen wird. Das schließt die Formulierung von Herausforderungen durch naturalistische und genetische Fehlschlüsse genauso ein wie jene Probleme, die im Aufeinandertreffen von Philosophie und Geschichte entstehen. In einem zweiten Schritt nähert sich der Beitrag der französischen Tradition der historischen Epistemologie, ehe er sich im dritten Schritt mit einem konkreten und vieldiskutierten Beispiel beschäftigt, nämlich der Entstehung der Wahrscheinlichkeit. In einem vierten und letzten Schritt werden die kennzeichnenden Eigenschaften der historischen Epistemologie dargelegt und gezeigt, in welcher Weise sie sich einerseits von der Ideengeschichte und andererseits von der Geschichte der Wissenschaftstheorie abgrenzt. Abschließend geht es darum, wie wir mit Hilfe der historischen Epistemologie einen anderen und besseren Umgang mit genetischen und naturalistischen Fehlschlüssen finden können.

Im August 2012 brachte der Heimatverein von Borja, in Spanien, auf seinem Blog seine »tiefe Betroffenheit« über einen, wie es hieß, »unbeschreiblichen Vorgang« zum Ausdruck: Ein Wandgemälde in der Iglesia del Santuario de la Misericordia war in einer Form restauriert worden, die das ursprüngliche Motiv – den Schmerzensmann – fast unkenntlich machte. Die Affäre ging in kürzester Zeit durch die internationale Presse und durch das Internet. Sie schlug dabei unerwartet hohe Wellen, mit denen sich Hohn und Spott über den in fast allen Kommentaren als »misslungen« bezeichneten Restaurierungsakt ergoss. Im Web 2.0 hingegen gab das dergestalt »restaurierte« Antlitz des Ecce homo Anlass zu einer Vielzahl von Neuinterpretationen, es avancierte zu einem regelrechten Internet-Phänomen, das in der vorliegenden Studie in Hinblick auf den Umgang mit und die Aneignung von Bildern im digitalen Zeitalter untersucht werden soll.

Das World Wide Web hat in den letzten Jahren das Phantasma eines historischen Allwissens von neuem belebt. Dienste wie Yahoo, Wikipedia und Google versuchen sich dabei in eine Tradition von Wissensvermittlung und Wissensstrukturierung einzuschreiben, die weit zurückgreift. Doch das Internet ist nicht einfach die große digitale Wissensmaschine schlechthin und so klafft zwischen Anspruch und Realität eine große Lücke. Das Google-Syndrom umschreibt Phänomene und Folgen dieses höchst aktuellen Spannungsfeldes.

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Andreas B. Kilcher

ist seit Juni 2008 Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. 2004–2008 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen. Er ist Mitglied und aktueller Direktor des Zentrums »Geschichte des Wissens« der ETH und Universität Zürich. Gastprofessuren in Berlin, Jerusalem, Princeton, Stanford. Arbeitsschwerpunkte: Jüdische Literatur- und Kulturgeschichte; literatur- und kulturwissenschaftliche Wissensforschung; Kabbala- und Esoterikforschung.

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David Gugerli

ist Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich. Nach seinem Studium in Geschichte und Literaturwissenschaften war er Gast an der Maison des Sciences de l´Homme in Paris, Visiting Fellow der Stanford University, Investigador visitante am Colegio de México, Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien sowie Professor an der Universidad Nacional Autónoma de México. In seinen Forschungsprojekten beschäftigt er sich mit der Geschichte der Energieversorgung, der technisch-wissenschaftlichen Erfassung von Räumen, der Entwicklung digitaler Telekommunikationsweisen und der Genese des technisierten menschlichen Körpers. David Gugerli ist Mitglied des Zentrums »Geschichte des Wissens«, das von der ETH und der Universität Zürich getragen wird.

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Michael Hagner

ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich und Mitglied des Zentrums »Geschichte des Wissens«, das von der ETH und der Universität Zürich getragen wird. Er studierte Medizin und Philosophie an der Freien Universität Berlin und war am Neurophysiologischen Institut der FU, am Wellcome Institute for the History of Medicine in London, am Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Medizinischen Universität Lübeck, am Institut für Geschichte der Medizin der Georg-August Universität Göttingen und am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin tätig. Er hat Gastprofessuren in Salzburg, Tel Aviv, Frankfurt a. M. und Köln inne und wurde für seine Forschung bereits mit dem Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. 2008 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Gegenwärtig befasst er sich mit der Gegenwart und Zukunft des (gedruckten) wissenschaftlichen Buches.

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Caspar Hirschi

ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Zwischen 2007 und 2010 arbeitete er an der Universität Cambridge. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte und Theorie des Nationalsozialismus, die Gelehrtenkultur des Renaissance-Humanismus sowie die Rollen des Kritikers, Experten und Intellektuellen seit der Aufklärung. Über diese hat er zahlreiche Publikationen in deutscher und englischer Sprache vorgelegt.

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Patricia Purtschert

arbeitet  an einem SNF-Forschungsprojekt (Ambizione) zur »Postkolonialen Schweiz« an der ETH Zürich, ist Lehrbeauftragte am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Luzern und temporär assoziiertes Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens Zürich und Mitherausgeberin von »Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte«. 2001–2002 war sie Assistentin bei Prof. Dr. Maihofer am Lehrstuhl für Gender Studies der Universität Basel, 2002–2004 Visiting Scholar bei Prof. Dr. Judith Butler an der University of California Berkeley in den USA. 2005 promovierte sie in Philosophie an der Universität Basel mit einer Arbeit zum Euro- und Androzentrismus bei Hegel und Nietzsche. 2006 bekam sie ein Stipendium für fortgeschrittene Forschende des Schweizerischen Nationalfonds mit Forschungsaufenthalten an der Université Paris X, Nanterre (2006–2007), und an der Humboldt Universität zu Berlin (2008–2009).

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Philipp Sarasin

ist Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, und Gründungsmitglied des Zentrums »Geschichte des Wissens« der Universität und der ETH Zürich. Seine Arbeitsgebiete sind Geschichte des Wissens, Geschichte des Kalten Krieges, Theorie der Geschichtswissenschaft, Stadtgeschichte, Körper- und Sexualitätsgeschichte.

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Jakob Tanner

ist ordentlicher Professor für die Geschichte der Neuzeit an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich und Mitglied des Zentrums »Geschichte des Wissens«, das von der ETH und der Universität Zürich getragen wird. Er ist Mitherausgeber der Zeitschriften Historische Anthropologie und Gesnerus. Swiss Journal for the History of Medicine and Sciences.Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissens- und Wissenschaftsgeschichte; Ernährungs- und Drogengeschichte; Psychiatriegeschichte; Wirtschafts-, Unternehmens- und Finanzgeschichte und Geschichte der Schweiz im europäischen Kontext.

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Nach Feierabend

Das Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte wird herausgegeben von David Gugerli, Michael Hagner, Caspar Hirschi, Andreas Kilcher, Patricia Purtschert, Philipp Sarasin und Jakob Tanner und erscheint jährlich im Herbst; es thematisiert unter historischen wie philosophischen Gesichtspunkten verschiedenste Formen von Wissen, wie sie in Gesellschaft und Kultur zirkulieren und in einem dynamischen Austauschprozess mit den Erkenntnisbedingungen der Wissenschaften stehen.


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