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Juli 1962

Pierre Guyotat

Unabhängigkeit

Übersetzt von Michael Heitz

Veröffentlicht am 02.11.2016

West Algerien, Ebene des Cheliff, Juni 1962, zwischen der am 19. März verordneten Feuerpause und dem Referendum über die für den 1. Juli festgesetzte Selbstbestimmung.
Eine Kompanie von Gefechtspionieren. Die nördliche Umzäunung der Lagertürme über dem Fluss: Esel, abgeschirrte Maultiere, von aufgegebenen Bauernhöfen entflohene Pferde traben am roten Ufer, trinken das knapp werdende Wasser, das, so geht das Gerücht, die sterblichen Überreste der Opfer flussaufwärts abgehaltener Stand­gerichte fortträgt.

Ich bin zweiundzwanzigeinhalb. Zwei Jahre zuvor, im Sommer 1960, während der ersten Tage meiner Einberufung in das 7. Pionierkorps von Grenoble, bin ich geknebelt, gefesselt, in Arrest versetzt, ohne Schnürsenkel, ohne Gürtel, der Rebellion und der Anstiftung zum Ungehorsam angeklagt. Eine Ratte umkreist meine Schlaflosigkeit, ich spreche zu ihr und erwidere an ihrer Stelle.
Mit dem ersten Frost, an den Ufern der Isère, die nun gänzlich zufrieren, vollgestopft mit rosa Le Hénaff-Pastete, üben wir den Bau von Ponton-Brücken.
Mitten im Winter ’61/62 will ich weg aus der Hauptstadt, lasse mich für Algerien einer Pionierkompanie in der Kabylei zuteilen. Erst einmal drei Monate mit Planierraupen eine Trasse aufreißen, ausheben, beschottern – Material vom Steinbruch herkarren, auf der Baustelle entladen, zerkleinern –, kleine Platten aufrillen, eine Straße in das Sidi-Ali-Bounab-Gebirge asphaltieren.
Wir übernachten in Zelten, die wir unter dem Schutz der Artellerie – Halbkettenfahrzeuge – entlang der Baustelle aufreihen, was uns mit voranschreitender Arbeit bis runter nach Tlatet Eddouar führt, wo sich noch immer Selbstverteidigungstruppen formieren – nachts Schüsse, unsere Waffen in den Magazinen.
Im Zentrum der Hauptortschaft: Soldaten jagen eine geistig behinderte Frau mit rot-goldener Kleidung über Hausdächer.
In der Frühsommerhitze komme ich für eine dreimonatige Funkerausbildung runter nach »Tizi-Orly«, dem Militärflughafen von Tizi Ouzou, der Luftwaffenbasis, entlang des Oued Sebaou.
Zurück in meiner Kompanie, trotz meiner Qualifikation als Leitender Funker noch ein Gefreiter, werde ich der Feldpost zugeteilt und zu einer Kompaniemission in das Gebirgsmassiv des Djebel ­Chambi abgeordnet, und, im schlimmsten Fall – in den Bürgerkrieg – nach Algier.

Am Ende des Winters 1962, von einer Minenräumaktion in der Djurdjurar zurückkommend, werde ich, als ich vom Kommandojeep herabsteige, wo mein Stimmen- und Morsecodetransmitter montiert ist, aus drei politischen Gründen von einem hochgewachsenen Oberst, der eine Gerte gegen seine Stiefel schlägt, festgenommen, ohne Schnürsenkel und Gürtel in Arrest versetzt, für zehn Tage verhört von eben jenem Oberst und zwei, drei Militärwachen, ohne Prozess für drei Monate in einer unter der Küche im Keller gelegenen Zelle in Isolationshaft gesperrt. Tage und Nächte des Zweifels – Wer bin ich, dass ich urteile? –, aber auch des Widerstands gegen die Befehlsgewalt. Mein Körper rebelliert für mich; doch einmal alleine, von der Gemeinschaft gesondert und mit einem noch frischen Herzen, wie könnte ich die Tragödie, das Schicksal des Volkes schultern, das ich zu lieben beginne, und einen legitimen Platz für mich selbst schaffen? Und so fürchte ich mein kommendes Los.
Meine Zelle und mein Körper werden jeden Tag durchsucht. Wo kann ich mein Notizbuch und meinen Stift verstecken, den mir Kameraden gekauft und zugeschmuggelt haben? Die gestampfte Erde ist zu hart, um zu graben: Ich lockere zwei, drei kleine Steinbrocken aus einer Ecke der Mauer, um meine Schreibutensilien zu verstecken, wenn ich die Schritte der Nachtwache höre und meine Zelle in den Lichtstrahl des diensthabenden Feldwebels gerät, durch einen Spalt der Treppe, die hinauf zum Hof führt, wo sie das Fleisch zerteilen; Lesen werde ich erst später können, zuerst muss ich mir die Bücher ins Gedächtnis zurückrufen, die ich kenne, und mir jene vorstellen, die ich noch nicht kenne.
Alles, was ich von der Welt mitbekomme sind die Kampfstiefel der Kameraden, die gegen die Kellerluke donnern; Ratten, die über das auf den Stufen verschüttete Koch- und Spülwasser springen; darüber, halbnackte Kameraden, die verkohlte Fleischbrocken aufgabeln und, Sonntag nachts, auf das erbrechen, was sie am Montag zubereiten.

Im beginnenden Frühjahr, austreibendes Gras und kleine Pflanzen zwischen den Mauersteinen der Kellerzelle und auf der gestampften Erde das zu verfaulen beginnende Strohlager, schaffen sie mich unter dem Vorwand, dass ich aufgrund meiner Notizen – die von einem der Verhörer des Geheimdienstes entdeckt wurden –, meiner Worte und meiner Taten bei den gewalttätigsten meiner Kameraden zum Opfer von Strafaktionen werde könnte, schaffen sie mich unter Bewachung eines meist betrunkenen Oberfeldwebels in Aktivdienst und mit Maschinengewehr in einem Jeep ohne Begleitung ins Landesinnere Algeriens, südlich der Mitidja-Ebene. Gaben sie mir meine Schnürsenkel und meinen Gürtel zurück? Von den Sachen, die mir noch geblieben waren – meine Papiere und Hefte wurden bis auf jene, die ich verstecken konnte und die von Zellengenossen nach Frankreich geschickt wurden, von der Militärpolizei konfisziert –, habe ich da irgendetwas bei mir?
Der Frühling blendet mich, der ich in den letzten drei Monaten nur gestampfte Erde, Mauern, ein Strohlager und das meist nur in der Dunkelheit habe berühren können, und so möchte ich alles, was nun neu ist, anfassen. Die schräge Wüste erhebt sich gegen das Hochplateau: Wie kann ich, im ruckelnden Jeep ohne Dach, den Wind in meiner Nase, meinem Mund, um meinen Ohren, meine Angst um meine Lage im Gedächtnis bewahren?
Ich habe keine Vorstellung von dem Ort, an den sie mich bringen werden (wie weit weg von hier, für wie lange, für wie viele Jahre? Für welcher Art Zwangsarbeit oder Gefängnis?), wenn sie mich denn überhaupt irgendwohin bringen.
Aber die Unabhängigkeit, das Glücksempfinden dieser Leute, das will ich. Millet, der Fahrer, und der Oberfeldwebel halten an, um zu pissen: Der Alte, ausgemergelt durch die Sauferei in Indochina, braucht lange, um sich zu entleeren; sein Maschinengewehr baumelt an seiner Schulter, der Jeep im Leerlauf, Versuchung abzuhauen; ein Wäldchen am Abhang, was liegt da unten? Wälder, Schluchten? Herden? Aber »Verrat begehen«, um mich alleine wiederzufinden, in Militäruniform, im Kosmos, noch immer den Zweifel am Leib? – Büße ich nicht für mein Anmaßungen mit einer anderen, älteren Schwäche? Und wie kann ich mich von meiner Abhängigkeit von alldem befreien?
Für was wäre ich auf der anderen Seite gut?
Weiter weg, zu unserer Linken, ist das die Bergkette des Ouarsenis? Und rechts, in der ausgestreckten Ebene, der Fluss Cheliff, jenseits der Straße und der Algier-Oran-Bahnlinie, wo der Inox-Schnellzug aufglänzt.

Der Raum, in dem mir das untere Bett der mittleren Pritsche in der Reihe gegenüber dem Fenster zugewiesen wird, liegt in einem niedrigen Gebäude am Eingang des Lagers, in der Nähe des Kompaniebüros, neben der kurzen nördlichen Front – im Falle einer Rebellion, ist alles zur Niederschlagung bereit.
Sie geben mir meinen Gürtel und meine Schnürsenkel zurück, doch nicht meine Waffe. Endlich wieder Fenster, und neben den – bei dieser Hitze unnötigen – Decken das »Fleischbeutel«-­Laken. ­Meine Kerkerdecke, haben sie die verbrannt? Oder soll sie wiederverwendet werden, um erneut für die durch den Allgemeinen Essens-Service besorgte Auslieferung der Schweinehälften zu ­dienen?
Lieber das Kollektiv als die Einsamkeit. Meine Barackenkameraden kümmern sich nicht, das ist mir klar, um die – politischen – Gründe meiner Inhaftierung, meines Ungehorsams gegenüber der Obrigkeit, gegen die »Totengräber«, wie die Dienstpflichtigen hier die freiwilligen und Reserveoffiziere nennen.
Fast alle hier sind Kriminelle, ob zivil oder militärisch; einige haben sich möglichst früh freiwillig gemeldet, um ihre Zivilstrafe zu verringern.
Der Wachmann des Schlafsaals – löchrige Moskitonetze –, dessen Pritsche die erste auf der linken Seite ist, wenn man unter dem ersten Fenster hereinkommt, D.: umgekehrt aufgesetzte Kommandeurskappe, flink auf den Beinen – er springt in einem Satz auf die oberste Pritsche – weiches Gesicht; seine Augen sehen vom anderen nur das, was er foltern kann, nicht mehr (elend sind seine Gefangenen, und was für ein Elend grausam geboren zu sein – und arm); alles an ihm ist Grausamkeit: Stimme, Gesten, Posen, selbst sein Geruch, sein Atem; man sieht seine Hände in Blut getaucht, seine Fingerglieder und Handgelenke zu einem Würgegriff gekrampft, man malt sich seine Finger aus, wie sie die Fesseln enger ziehen, den Laufknoten, den Badewannenhahn auf- und zudrehen, die Elektroden anlegen; das zwischen seinen Beinen gehört einem, der Elektroschocks verabreicht, der vergewaltigt; man sieht seine Zähne, wie sie die Nerven oder Fasern, an denen das verstümmelte Glied hängt, aufbeißen, seine Stiefel Nieren traktierend, mit den Sohlen Gesichter zertretend, seine Genitalien auf der Suche nach den Unschuldigsten; permanente Grimasse, wie Reste seiner Lust vom Foltern; für was wird er bestraft? Verbrechen in Frankreich oder zu viel Grausamkeit in der AFN?
Ein Spanier aus Asturien, der Schweigsamste von allen, groß, mit dem Gesicht eines Heranwachsenden, immer erhobenen Hauptes und stolz, hat seine Mutter umgebracht; er, der nachts unter dem Moskitonetz schreit, in der obersten Pritsche über mir, dem man später den Prozess wegen Zuhälterei machen wird, fühlt sich gepeinigt, weil er einen Storch geschossen und getötet hat: Andere, die mehr wissen als ich, fragen sich, wie ihm gelingt, die Frauen zu verführen, mit seiner runden Visage, seiner Igelfrisur und seinem Winseln; vielleicht hat er irgendwelche Frauenvorräte von seiner Mutter oder seinem Vater geerbt, oder er hat, was es braucht, wo es es braucht.
Zu meiner Rechten, B: ein großgewachsenes Pariser Kind mit sanften Gesten und der Farbe irgendeines Elendsquartiers im Gesicht, der als Zivilist für das Innenministerium als Telegraph arbeitet, Raufbold aus Saint Lambert. Aufgrund welchen Vergehens ist er hier?
Zu meiner Linken, V. aus Guadeloupe, schwarz, der rot wird, wenn man ihn nur anspricht: Man kann das Blut in seine Poren strömen sehen. Er steht, sitzt auf seiner Pritsche mir gegenüber, schaut mir beim Lesen zu, während er unablässig an seinem Drillich näht. Wenn mein Blick von der Seite zu seinem Gesicht wandert, treffe ich auf seine Augen, groß und schwarz, mit denen er die Persönlichkeit seines Gegenüber abschätzt und mit denen er dieser ein anderes Schicksal mitgeben will: Man sagt, dass er getötet hat.
Der Grausame hinten erzählt, wie er den Schäfer und sein Vieh »eingeschläfert« hat, und lärmt mit seinem Mund und seinen Fäusten.

Nachts aber stehe ich auf, um im Mondschein und aus der Nähe einen großen, in einem Dachwinkel festgesaugten Gecko zu betrachen – im Keller gab es trotz des täglichen Waschens an der Tränke unter den Augen der Wache, mit dem Gewehr im Anschlag, überall nur Fleischmaden, die vom Dachgewölbe fielen, und, während ich schlief, unter meine Zehennägel krochen. Es braucht Zuversicht, sich die durchsichtigen Augenlider mit der Zunge auszulecken, und er teilt mir seine Empfindung mit, was es heißt, wieder ein menschliches Wesen zu sein, das heißt, er sagt mir, ein wenig von seiner Mauer herabkriechend, da ich mein Ohr an seinen Bauch halte, der sich so viele Male schneller hebt und senkt als bei meinen schlafenden Jungs, dass ich Recht hatte, dass ich das Recht darauf habe, Recht zu haben; ich gehe zwischen ihren Atemzügen hindurch, um den Hals das Kettchen mit der Erkennungsmarke und der Idenfikationsnummer für den Fall von Zerstückelung oder Verkohlen des Körpers, und das leise klingelt, wenn die Körper sich umdrehen im Traum; ihre Nackheit ist diesem Flackern ausgesetzt, diese nackte Nackheit derjenigen, die das Gesetz zermalmt, bedroht, erfasst hat. Ich, Zweifel, der sich zurückzieht, sie Verurteilte, bereits jung Vergestoßene – was soll ich von denen denken, die zu schwach empfinden, um Mitgefühl zu verspüren gegenüber denen, die aus zu viel Empfindung töten. Hier, in dieser schwachen frühmorgendlichen Brise, die die gekippten Fenster durchströmt, sind sie gleich, die Guten und die Grausamen, im Traum oder wie in der frühen Kindheit, das Sein wird durch die Kräfte der Wahrheit bewegt, Mörder, unter der Handfläche eines Gottes der Vorsehung.
Im Pinienbaum neben dem Fort ruft eine Eule: Ich sehe sie den Mondschein durchqueren und auf ein Beute am Boden herabstürzen: Gibt es etwas Lebloses, von dem sie ihre Jungen sonst noch ernähren könnte?

Einige Kameraden vom Hof, zwei bis drei Jahre älter als ich, von einem der ihren aus dem Kompaniebüro verständigt, kommen nach dem Abendessen des nächsten Tages auf mein Zimmer, um sich dem Verbot entgegenzustellen, das es mir untersagt, mich unter die jüngeren meiner Klasse zu mischen, die auf dem alten Hof kaserniert sind, wo die Kompanie erst unlängst ihr Lager aufgeschlagen hat. Sie verlassen ihre Zimmer, Ställe, Scheunen und Werkzeugschuppen, einige nehmen wegen der Hitze ihre Feldbetten gar hinaus auf den durchlöcherten Boden des Hofes und, mit Spiegeln in den Fäusten in der langen Dämmerung, machen sie sich fertig für das Schlafengehen, um, wie es sich gehört, in der Nacht und im Traum schön zu sein für ihre Verlobten, ihr »Mäuschen« oder ihre Mutter. Im Dunst alter Kuhfladen riecht der Hof nach Seife und mehr. Philippe, Paul, Emmanuel – der Letztere nicht gewalttätig und aus politischen Gründen zwangsversetzt wie ich, aber schon länger hier und auf dem Hof wohnend–, wir sprechen flüsternd über Architektur, Landwirtschaft, Geologie, Wasserkraft, Selbstverwaltung. Kaum erlischt die Abendröte über dem Bergmassiv jenseits des Flusses, entflammt schon die Morgenröte.
Mit anderen »Politischen« haben Emmanuel und ich uns jede Woche einem Diktat zu unterziehen, dass der eiligst aus Orléansville gekommene Offizier uns auferlegt, gefolgt von schriftlichen Fragen und Antworten, nach denen er das Fortschreiten unserer Gefährlichkeit, oder das Gegenteil, beurteilt.

Erste Tage: Zwangsarbeit; wird es mir erlaubt sein beim Hissen der Tricolore zugegen zu sein? Doch mit dem beschleunigten Lauf der Geschichte und dem heißer werdenden Boden werden die Regeln außer Kraft gesetzt. In Sichtweite eines verlotterten Wachturms dürfen wir sogar hinunter, um am Fluss, zwischen Frauen, Maultieren, Pferden, Eseln, Reihern uns und unsere Wäsche zu waschen, zum Teil gar Zivilkleidung tragen. Die Offiziere und Unteroffiziere leben in Unsicherheit, selbst müde von einem im Gelände gewonnenen, aber politisch verlorenen Krieg, gezwungen, uns mit mehr Vorsicht zu behandeln; zerrissen auf einem Boden, der schon bald nicht mehr Teil der Republik sein wird – wir spüren unter unseren Füßen das Wegdriften eines alten Staatsgebietes unter dem ­neuen –, zwischen einer weit entfernten Hoheitsgewalt und einer als korrupt angesehenen, provisorischen algerischen ­Befehlsgewalt, eine umstrittene lokale Macht, ein mit seinen ­Widerstandskämpfern solidarisches Volk, das aber bereits an seiner in Zukunft ­gespaltenen Regierung zu zweifeln beginnt – Revolution oder Demokratie? –, eine mächtige Nationale Befreiungs­armee (ALN), die politisch in der Defensive ist, deren eigene Truppen sich leicht gegen sie wenden könnten, um ihr Engagement auf ­Seiten der Franzosen vergessen zu machen – ein mit der Republikanischen Regierung loyales Kontingent?

Ich werde ins Büro beordert: Es geht darum, mir ein von meiner alten Kompanie nachgesandtes Paket zu überreichen. Bereits geöffnet, ist sein Inhalt auf dem Tisch des Unterleutnants zerstreut; ich muss ihm zu jedem Gegenstand eine Erklärung liefern – schreibt auch er Literatur?: eine kleine Wurst Typ »Jesus« von der Haute-Loire, ein verspätetes Strickhemd – muss ich noch einen Winter unter der Fahne verbringen? –, eine Pfeife und ein Band von Faulkner, Das Haus, unlängst erschienen: Was ist das, Faulkner? Was ich von der französischen und europäischen Kolonialgeschichte kenne, von Algerien, von der gewaltsamen Eroberung, von den Ausgebeuteten und den Profiteuren, den Klein- und Großgrundbesitzern, der städtischen Dienerschaft und dem bäuerlichen Gesinde, den Beziehungen zwischen Unterworfenen und Herren, was ich überhaupt von Faulkner kenne, habe ich in Die Unbesiegten und Absalom, Absalom! gelesen. Ich beginne fast, vom »Süden« zu sprechen, doch angesichts seines Pied-noir-Akzents halte ich mich zurück, fürchtend, die Erinnerung an ein besiegtes Volk könnte ihn dazu bringen, zu glauben, ich dächte an das seine, und er könnte mich für einen Gegenaufwiegler halten: Gefühl der Dummheit hier, mich den Offizieren unterlegen zu fühlen, die mit der Brüllerei ihrer Befehle unsere Sprache besudeln, die ich daher zurückzuweisen beginne wie das zugehörige Land: Welch anderer Gewalt denn einer göttlichen sollte ich mich unterwerfen? Nicht einmal der Geschichte Frankreichs, die hier von manchen entehrt wird oder die dazu anstiften. Zurück also zum kleinen Jesus von ­Yssingeaux – aber Vorsicht: er könnte ihn mir wegnehmen und essen.

Obwohl man mir untersagt, mich auch dem kleinsten Sender zu nähern, beginne ich in Philippes Lokalradio, beim Spiel seiner ­Gitarre, aus der ich ein Banjo des Südens mache, die ersten Seiten des Buches zu lesen – ich muss auf meine Befreiung bis November warten, um in der Ursprungssprache zu sehen, wie das klingt, sich rührt und sich färbt!… Mink Snopes, der Prozess, Rückkehr nach der Ermordung Jack Houstons, die Gründe: die Kuh, die ­Zaunpfähle.
Inspiration, es ist des Teufels, dass ich ein Werk schaffen muss, ein Idiot, wer davon spricht: noch ein wenig französische Psychologie, »Figuren«, und bald ein Epos des Idioten, fixe Idee: Was ist Antigone, Elektra, wenn nicht das?… Christus selbst… je beschränkter das Geistige, je geringer die Besorgnis, desto schöner und weiter ist die Sprache: die fixe Idee wie ein Durchbruch und Aufblitzen des Realen.
Gerüchte, Unruhen in der Nähe des Lagers, hektische Durchmärsche von Männern, schwarz von der Sonne, umherirrend, hungrig nach Gekochtem, es ist ihr Gedankenkauen, aus dem ich meine Poesie schaffe.

Mitte Juni, ein Teil der Kompanie ist abkommandiert worden, um Stacheldraht zu verlegen in der Gipfelregion des Djebel, wo man eine hochmoderne franko-algerische Radio- und Fernsehstation halten will. Ist das nicht dort, im Dahra-Gebirge, wo Pélissier, der spätere Herzog von Malakoff, 1845 widerständige Stämme ausräuchern ließ, ein Kriegsverbrechen, das durch den Sohn des Marschalls Ney und den Katholiken Montalembert der Kammer angezeigt wurde, und das durch den Minister Soult angeblich »beklagt« wurde? Befindet sich nicht in der Nähe der Berg El Aneb? Ich erinnere mich der grotesken Widerwärtigkeiten in den Briefen von Saint-Arnaud, dem späteren Schergen des 2. Dezember: »Ich hinterließ nach meiner Durchfahrt eine riesige Feuersbrunst; sämtliche der rund zweihundert Dörfer wurden abgebrannt; alle Gärten verwüstet, die Olivebäume gefällt – ich fuhr hindurch mit dem Schwert in der Hand, ach der Krieg! Der Krieg!«. Alle französischen Regierungen des neunzehnten Jahrhunderts waten im Blut der Eroberung Algeriens, der letzten Erbschaft der bourbonischen Krone.
Während fünfzehn Tagen entladen wir mit Lederhandschuhen und groben Tüchern Lastwagen, wickeln wir unablässig große Rollen neuen Stacheldrahts auf und ab, graben Löcher für die Pfosten, die wir mit Vorschlaghämmern in die Erde rammen – auf was stehend? Weiter unten wogt beim Vorbeiflug des Hubschraubers das Getreide: bald geernt und in friedfertige Bündel geschnürt. Die Raubvögel fliegen über uns, wie über einer zukünftigen Beute, schreiend ihre Runden: Mink packt und pflanzt seinen letzten Pfosten in das Feld von Jack Houston.
Im Morgengrauen, die Röte über dem Stacheldraht; tagsüber erhitzt sich das Metall und die Stachel durchbohren die Handschuhe, die Finger schwellen an, entzünden sich durch die Handschuhe.
Wo übernachten wir? In Zelten? In »Churchill-Baracken« am Hang oder unten? Wo essen wir? Echte Küche? Feldküche? Überall Wild, aber Jagdverbot, doch wer von uns hat überhaupt noch eine ­Waffe? Wohl gibt es die Artellerie im Innern des Befestigungsgürtels, die die Baustelle schützt: Wachtürme, Wachposten usw., und die auf uns schießen kann, wenn wir zu fliehen wagten. Weiter unten, schöne Kolonialdörfer, duftende, betäubende Schattenhaine: Doch alle sind auf der Hut. Villen, Bauernhöfe, Eukalyptushaine, Bougainvillien, Wasserleitungen, öffentliche und private Brunnen; bereits aufgegebene Besitzungen; schon ziehen »einheimische« Familien in die Herrschafts- und Gemeindegebäude, selbst in die Pferdeställe, da selbst diese schöner sind als ihre Lehm- und Wellblechhüten: in den Zimmern Kinder in Lumpen, die Täfelungen, Fliesen, Wohnzimmer schon im ersten Zustand der Plünderung, Schreie beim Entdecktwerden und angesichts der Sachbeschädigungen, vergossene Flüssigkeiten, Wein, Parfum, zoologische Glasbehältnisse: Zuerst werden die einfachen Dinge mitgenommen, die kostbareren sind dann für später.
Eines Abends, in der langsamen Dämmerung, steigen wir in Richtung des Lagers entlang einer Wasserleitung hinauf zu einem Ausschank, wo das rote und schwarze Wasser die rosa Blätter des Tages davonträgt: rechts, entlang des Abhangs noch jenseits eines Wohnwagenplatzes, Rewels, die sich waschen und mit ihren Affen spielen, eine große weiß-rosane Villa. Wir nähern uns zwischen den aufgegebenen Blumenbeeten, bei einem von Eukalyptus überragten Pultdach bemerken wir ein leises Singen, das weder französisch noch arabisch klingt: Ein kreidebleiches Mädchen richtet sich aus einer schwarzen Eisenwanne auf, nackt; ein kleines Kind, schwarz, spielt in Knäueln rosaner, malvenfarbener, brauner Tücher. Geronnenes Blut auf der Schulter des Mädchens oder der Mutter, das kann nicht das Licht der untergehenden Sonne sein; unten im Tal Explosionen.
Unter freiem Himmel, man sieht das Fortschreiten der Arbeit, wir zählen also die Entfernung in Tagen, die uns von der Freiheit trennen, doch meine ist unsicher.

Ich komme voran, meine geschwollenen Finger zwischen den Buchseiten, abends, während der Knastzeit von Mink, dessen Finger sich 38 Jahre lang in der Baumwolle mühten. Und wie ich ihn verstehe. Über Mink zu urteilen: »Gehen Sie mir nicht auf die Nerven«; ich beneide ihn um den Sinn für sein Menschenrecht, nicht mehr erniedrigt zu werden, nicht mehr, als er es verdient, zu existieren, das Recht zu gehen, nicht hochmütig und nicht unterwürfig, weiterzukommen, zu atmen, so wie die anderen auch, er hilft mir, das Bewusstsein für meine eigenen Rechte wiederzufinden, die mir alle Obrigkeiten (jene zumindest, die nicht verstehen, dass ich »anders« bin) bislang verweigert haben.

Am Vorabend des Referendums des 1. Juli, an die Stockbetten gelehnt, wo sie alle ihre Wahlkarten vorbereiten: Geschenke für die Kinder, Zigaretten und Geld. Wir versuchen zwei Kameraden der Hilfstruppen, deren Dienstgrad wir nicht kennen, davon zu überzeugen, nicht im Douar wählen zu gehen: Der ältere, um die vierzig, Familienvater, den Schädel schon recht kahl, der jüngere und kleinere, bucklig und mit Brille, unterstützt die vielköpfige Familie: Sie, die uns recht gleichgültig waren, älter als wir, mit diskreditiertem Militärstatus, werden uns lieb und teuer, und wir ihnen: Unmöglich, das zu unterdrücken, sie wollen ihrer »Bürgerpflicht« nachkommen, sie wollen ihre Kinder sehen, beim älteren fällt es mir schwer, meinen Blick von seinen Drosselvenen abzuwenden, die anschwellen, wenn er ein wenig aufgeregt spricht.
Feuer am Djebel, vorne am Meer: Am Abend erfahren wir, dass sie gefoltert wurden und man ihnen die Kehle durchgeschnitten hat.
Nacht vom 1. auf den 2. Juli, vom 2. auf den 3.: Ansturm der verängstigten Dorfbewohner, Frauen, Kinder, Alte, gegen unseren Stacheldrahtzaun. Eine Frau hält einen blutigen Turban in ihrer Faust, schreit »Baba!«, Kinder zwängen sich durch den Stacheldraht, klettern hinauf und springen mitten unter uns; die mündlichen Befehle, über Radio und per Telegramm bestätigt, das Philippe dem Hauptmann übermittelt, lauten, jegliches Eindringen zu verhindern. Das Ergebnis der Wahl ist Unabhängikeit, sie ist anerkannt und ausgerufen, wir sind auf fremdem Boden – und wenn es Mörder waren, Waffenplünderer? Während sich die Offiziere und Unteroffiziere für ein, zwei Nächte zum Schlafen und Wachen einschließen, suchen und improvisieren wir mit pochendem Herz Durchgangs- und Fluchtwege für die weniger Kräftigen, waagerechte Lochtunnel unter dem Hof, Abfallhaufen, Berge von landwirtschaftlichem Gerät; bei Dämmerung brennen unsere Armmuskeln von der Anstrengung, mit dem Bauch an die Wand gepresst, gesunde wie versehrte Körper herauszuzerren und hochzuziehen, unsere Haut voll mit Sabber, Erbrochenem, Kautabak, Henna. Wir müssen lachen, um sie und uns zu beruhigen – die Kinder helfen uns, aber schweigend.
Die Straße entlang der Eisenbahnlinie in der Dunkelheit, weit entfernt von uns, gegenüber dem Fuß des Ouarsenis-Gebirges: Wir befürchten, dass sie sich mit Zivilpersonen und Militärs füllt, die Rache suchend voranrücken.
Die Eule setzt ihr Rufen fort, das leiser wird, doch ihr Jagdrevier ist voll mit gejagten und um ihre Existenz bangenden Menschenwesen.

Unter welcher Herrschaft leben wir jetzt? Jene Frankreichs ist beendet, die der algerischen Regierung, die im April unter der Präsidentschaft von Abderrahmane Farès und seiner Force Locale (FSNA) eingesetzte, der viele junge Algerier aus unseren Reihen zuströmen, ist sie nicht bereits abgefertigt von der ALN und der GPRA, die wiederum gespalten ist?
Halten unsere Wachkameraden die Stellung? Die Verängstigten drücken eher ab, als dass sie den Armeegeschützen gegenüber, denen sie sich schwitzend vor Angst nähern, klein beigeben würden.
Gerüchte über Massaker, weit entfernt, den Schwierigkeiten des Terrains geschuldet; der Lärm wird stärker; doch da oben, Gerüchte von Massakern auf dem Berg, von Tränen, Schreien gekrönt, wie Opfergaben für welche Götter? Exaltierte Hochebene aus Untaten.
5. Juli, Feier der Unabhängigkeit in Orléansville: Wir trampen, wir vier, halb zivil, halb militärisch ausstaffiert; der Lastwagenfahrer transportiert die weiß gekleideten Einwohner eines Douar; in ihrer Freude drücken sie uns an sich, holen Fotos der Kinder aus ihrer Gandura, erzählen uns, dass diese nun nicht mehr in den Widerstand gehen müssen, dass sie in einem glücklichen Algerien werden leben können. Die Frauen fahren in ein Auto gezwängt hinterher. Angekommen fotografiere ich die stolze Parade der Kämpfer, Kinder, jungen Mädchen. Wir, nun anti Frankreich, antiwestlich, antinationalistisch, wir also im siebten Himmel einer neuen Nation, die sich gerade selbst hervorbringt, vor uns, gegen uns, mit uns.

Zurück im Lager – Feuer in den Bergen, im Norden, im Süden – finden wir die Offiziersräume erhellt, aber verlassen: Jene, die im Gelände gewonnen haben, sehen sie sich erneut betrogen von den Politikern, den Diplomaten? Sind die Wachen rund um die Waffenfabrik verstärkt worden? Welche Befehle knistern aus dem Funkraum?
Vom Lager aus wittern wir Tag und Nacht den Geruch von der anderen Seite des Flusses, vom bereits hoch stehenden, goldenen Weizen, wo die Tiere sich verstecken, von Blut, von gesuchten, gehetzten Männern.
Wird alles Getreide geschnitten? Werden alle Leitungen des großen Wasserspeichers gescheuert?
In Oran werden infolge einer – spontanen oder geschürten – Panik fast zweitausend Europäer massakriert, viele von ihnen aus dem Hinterland herbeieilend, um sich nach Europa einzuschiffen, einigen werden lebend die Kehlen durchgeschnitten, andere werden an Fleischerhaken aufgehängt.

Am Abend des 7. Juli wird im Radio eines von Philippe entdeckten, spanischen Senders der Tod William Faulkners am 6. gemeldet. Wir machen unten im Hof, dem Fluss zugewandt und in Abstand zu den Löchern, ein Abendessen für alle, die Betten mit den wehenden Moskitonetzen rausgestellt zu Ehren der Befreiung von einem der unsrigen, einem warmherzigen, gelernten Metzger, der mit seinen Papiere zugleich einen Schrieb seiner Verlobten bekommt, die ihn wegen eines anderen verlässt: Herzlichkeit, Gurkensalat, Merguez – doch wir schmecken zwischen den Zähnen Menschenfleisch, weil uns von überall her, von den umwölkten Bergen her, Gerüchte über die Begleichung kollektiver und individueller Rechnungen erreichen. Wir erzählen unseren Kameraden davon, welchen »Alten Meister« – so nennt auch Mink seinen weder zu unrecht noch wahllos strafenden Gott der Gerechtigkeit –, die Menschheit gerade verloren hat.
Ich habe mein Exemplar von Das Haus in der Innentasche meines Drillichs, ich nehme es heraus:
– »Lies uns vor, Junge, lies vor!«
Den Abschnitt über das Bordell natürlich, aber der ist zu lang – Miss Reba, Herrin der Huren – sie und wir sind so begierig auf Mädchen und vielleicht schockiert? Besser das Ende lesen, aktueller in dieser Zeit des Hasses, der Freude, gut für die einen, schlecht für die anderen, dieser Zeit des Argwohns, der Schande und des Schreckens für viele, für die einst, jetzt, in Zukunft zu Tode Gefolterten – doch bin ich wirklich noch nicht im Alter, um zu »verzeihen«, und auch nicht, um zu denken, dass »jeder tut, was er kann«, und auch nicht, um an den Tod und die Lebens- und Kampfesmüdigkeit zu denken…
Ohne mich von der Bank zu erheben, und während Philippe ein wenig an seiner Bluesgitarre zupft, sage ich:

»Das ist Mink, in Mississippi, das ist dreizehn Jahre her, 1949, nach achtundreißig Jahren aus der Strafanstalt kommt er zurück nach Hause, um Felm zu ermorden, der ihn während des Prozesses verraten hat; er tötet ihn, kehrt auf sein Stück Land zurück, streckt sich dort aus…«
Und ich lese, den Tränen nahe, bemerke, wie sehr sich unsere Sprache in nur zwei Jahren Dienst auf fast nichts reduziert hat:
»… in das Land, das bereits voll war von Leuten, die in Schwierigkeiten waren, aber nun frei, so dass es nur der Boden und der Schmutz waren, was sie mit ihren Leidenschaften, Sorgen und Hoffnung stören und plagen und quälen konnte, das Recht und das Unrecht und das Elend ließ die Leute nun unbekümmert, alles vermischte sich und geriet nun auf leichte und sorgenfreie Weise durcheinander, und so wusste oder kümmerte sich niemand darum, wer wer war, und jeder fühlte sich zugehörig, allen gleich, gut wie alle anderen, tapfer wie alle anderen, unauflösbar und allen gegenüber unbekannt: den Schönen, Reichen, Stolzen…«


Dieser Text wurde für die Sondernummer 596 der Zeitschrift Nouvelle­ ­Revue ­Française: verfasst. Anlässlich ihres 100. ­Geburtstags im Jahr 2011 ­hatten die Editions ­Gallimard zu Texten eingeladen, welche eine besondere Be­ziehung zu einem das 20. Jahrhundert besonders charaktisierenden Roman bezeugten.

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Pierre Guyotat

Pierre Guyotat

gilt als einer der bedeutendsten Avantgardisten und Erneuerer der französischen Literatur. Seit früher Jugend schriftstellerisch tätig, veröffentlichte er 1961 seinen ersten Roman »Sur un cheval«. Im gleichen Jahr wurde er in den Krieg nach Algerien einberufen, wo er 1962 wegen Aufrufs zur Desertion und der Verbreitung verbotener Schriften in Haft kam. Mit seinen beiden Werken »Grabmal für fünfhunderttausend Soldaten« und »Eden Eden Eden«, das eine scharfe Kontroverse auslöste und jahrelanger Zensur anheim fiel, wurde er einem breiten Publikum bekannt. Nachdem sein von radikalem Formwillen geprägtes Schreiben durch eine mehrjährige psychiatrische Krise abrupt unterbrochen wurde, fand er 2006 mit dem diese Zeit verarbeitenden Werk »Coma« zurück in die Öffentlichkeit. Seine zahlreichen seither erschienenen Werke zeugen von großem Stilreichtum und unermüdlicher Arbeit an der Literatur.

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