Nutzerkonto

Literatur

Eine schonungslose Familien-Live-Show
Eine schonungslose Familien-Live-Show

Hervé Guibert

Meine Eltern

Am Donnerstag, dem 21. Juli 1983, während ich auf der Insel Elba bin und meine Großtante Suzanne sich in ihrem Landhaus in Gisors befindet, wird deren sechsundsiebzigjähriger Schwester Louise im Bus Nummer 49 Richtung Gare du Nord, wo sie eine Fahrkarte für eine bevorstehende Reise kaufen soll, schlecht. Sie fühlt sich dem Tod nahe. Sie steigt aus dem Bus. Sie fühlt sich etwas wohler. Sie beschließt trotzdem bis zum Bahnhof zu fahren, sie nimmt die Metro, vielleicht hat das Schlingern...
  • Autobiographie
  • Familie
  • Erinnerung
  • Autofiktion
  • Identität
Aktuelle Texte

Jochen Thermann

Ich hätte ihn nicht einstellen dürfen

Ich hätte ihn nicht einstellen dürfen. Dabei schien er geeignet, meinen regulären Koch zu vertreten. Schneider hatte sich krankgemeldet, und da es eine langwierige Geschichte zu werden drohte, hatte ich den stämmigen kleinen Mann, der nur gebrochen deutsch sprach, ohne viel Aufhebens eingestellt. Das Geschäft musste schließlich weitergehen, die Gäste waren hungrig.

Oft werden einem ja die komplizierten Beziehungen, die man unterhält und die von einem schwer entzifferbaren Codex begleitet werden, gar nicht klar. Erst wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, erkennt man, wie gut zuvor die selbstregulativen Mechanismen griffen: wie Schneider seine Einkäufe organisierte, wie er seine Gehilfen anwies, seine Zutaten komponierte und wie treu er selbst daran interessiert war, das Geschäft voranzutreiben.

Der Aushilfskoch arbeitete vordergründig genauso. Er kaufte selbst ein. Er kochte ganz ausgezeichnet, und man lobte mich sehr für die überraschenden Geschmäcker, die der Hilfskoch Waldemar auf der Zunge meiner Gäste zum Vorschein brachte. Waldemar hatte eine...

Aktuelle Texte

Angelika Meier

Dreifaltigkeit meiner Zwirnspulenexistenz

In perfekt sitzender Uniform, die Hakenkreuzbinde frisch aufgebügelt, stehe ich in einer langen Schlange in einer amerikanischen Behörde, um einen Antrag auf einen total war zu stellen, doch nach stundenlangem Schlangestehen teilt mir der freundliche Sachbearbeiter mit, dass das application form for foreign aggressions im Saal nebenan zu erbitten sei. Da ich ein depressiver Faschist bin, lasse ich trotz meiner feschen braunen Uniform den Kopf immer recht schnell hängen und beschließe daher, für heute Schluss und lieber erst morgen den nächsten Versuch zu machen. Am nächsten Morgen stehe ich so auch tatsächlich wacker in der richtigen Schlange, habe dann aber nicht alle Papiere zusammen, um ordnungsgemäß einen total war zu beantragen. Neben der Geburtsurkunde (Original, keine Kopie!) fehlen mir zwei weitere Empfehlungsschreiben amerikanischer Staatsbürger. Man braucht fünf. Aber – ich dachte, drei… Nein, fünf insgesamt! Lächelnd hebt die Sachbearbeiterin ihre rechte Hand, die Finger anschaulich gespreizt. Wo ich doch aber schon...

ABO EN

 

Themen
Aktuelle Texte
Ist das Drama k.o.? Ist das Theater k.o.?

Alexander García Düttmann

Ist das Drama k.o.? Ist das Theater k.o.?

ABO EN
  • Alain Badiou
  • Theater
  • Zeremonie
  • Theaterwissenschaft
  • Anarchie
  • Schauspiel
  • Öffentlichkeit
  • Ästhetik
  • Gegenwartskunst
Aktuelle Texte

Mário Gomes

Über literarische Sprengkraft

Kaum etwas setzt schneller Rost an als Kriegsgerät und Literatur. Da nützt weder Pflege noch Wartung, am besten ist es, man lässt das Material einrosten und rüstet derweil am anderen Ende nach, erweitert Bestände, feilt an Technologien und poliert vor allem die Oberflächen auf Hochglanz, bzw. man nimmt den einfachen Weg und lässt eine Glanzschicht auftragen – einen feinen, seidenen Film –, denn so geht das heutzutage: man trägt auf. Dieser chemische Glanz der Panzer und Bücher kommt von der Sprühdose. Er hält allerdings nicht lange, sondern schwindet, sobald das Auge sich abwendet, und das Auge wendet sich schnell ab. Wo der Blick dann aber als nächstes hin eilt, glitzert und funkelt es wieder: bei jeder Militärparade wie bei jeder Buchmesse.

Dieser Glanz ist jedoch bei weitem nicht das einzige, was Krieg und Literatur verbindet. Ihre Verknüpfungen sind vielfältig und verworren. Wo Gewalt aufhört und das Schriftzeichen anfängt, ist selten klar,...

ABO

 

Ein Lachen wie eine Bombe
Ein Lachen wie eine Bombe

Wyndham Lewis

Die Affen Gottes

„Wer hat Ihnen gesagt, dass das alte England verrottet ist, Horace? Die liegen alle falsch! Kümmern Sie sich nicht um die, das ist dummes Zeug!“ Liegen falsch – wie entzückend – Zagreus zeigte sein urtypisches Lächeln, eine übergroße Blume im Knopfloch seines Mundes. „Wie?“, sagte er und lachte. „Hören Sie nicht auf die Alarmisten! Das ist a-lar-mistisch!“ Archie war glücklich darüber, dass er das pompöse, so große wie alberne Zeitungswort in seinem kleinen Kopf gefunden hatte. Bis zu Parodie aufgeplustert, hatte er es von...
  • Gesellschaft
  • Avantgarde
  • London
  • England
  • Malerei