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»Stilbildend. Ein Meister seines Genres.«

Wie in allen großen Hafenstädten wimmelt es in New York City von ­Ratten. Manchmal bemerkt man sie gar nicht, obwohl sie um einen herum sind. Nur ein Bruchteil der Straßen ist frei von ihnen. In den letzten fünfundzwanzig Jahren ist ihre Zahl stark zurückgegangen, aber noch immer gibt es Millionen von ihnen. Die Behörden gehen davon aus, dass in den fünf Stadtbezirken auf jeden Menschen eine Ratte kommt. In Kriegszeiten steigt die Rattenpopulation in Häfen und auf Schiffen immer stark an. So wurde im Sommer 1940, also nicht einmal ein Jahr nach Kriegsausbruch in Europa, im New Yorker Hafen eine stetige Zunahme von Schiffsratten festgestellt. Die Ratten und Rattenflöhe in außeramerikanischen Häfen sind gelegentlich mit der Pest infiziert, einer fürchterlichen Krankheit, die verschiedene Formen annehmen kann und von denen die Beulenpest, im Mittelalter der Schwarze Tod genannt, die verbreitetste ist. Daher fahren Vertreter des Gesundheitsministeriums mit Kuttern von einer Quarantänestation am Staten-Island-Ufer der Narrows aus alle Schiffe an, die von einem ausländischen Hafen nach New York kommen, und untersuchen sie auf Ratten oder Anzeichen eines Rattenbefalls. Wenn ein Schiff stark befallen zu sein scheint, lässt man es in einer Bucht ankern, die Besatzung wird weggebracht, und die Frachträume und Kabinen werden mit einem derart giftigen Mittel begast, dass ein Mensch, der es nur ein, zwei Mal einatmet, tot umfällt, von einer Ratte ganz zu schweigen. Im Jahr 1939 wurden durchschnittlich 12,4 Ratten je Ausgasung getötet. 1940 stieg die Zahl sprunghaft an auf 21, zwei Jahre später auf 32,1. 1943 wurden dann zum ersten Mal seit 1900 mit dem Pesterreger Pasteurella pestis infizierte Ratten im Hafen entdeckt. Man holte sie von einem alten französischen Trampschiff, der Wyoming, die aus Casablanca kam, wo die Pest seit Jahrhunderten immer wieder ausbricht.


Die größten Rattenkolonien in der Stadt finden sich in heruntergekommenen Gebäuden in der Nähe oder direkt am Hafen, insbesondere in den Mietskasernen, Märkten mit Lebendgeflügel, Großmärkten, Schlachthäusern, Lagerhäusern, Ställen und Garagen. Sie tauchen aber auch an Orten auf, wo man sie nie vermuten würde. Inspektoren des Gesundheitsamts haben ihre Pfoten- und Schwanzspuren schon in den Kellern der besten Restaurants der Stadt entdeckt. Vor einigen Wochen fing ein Trupp Kammerjäger in drei Nächten zweihundertsechsunddreißig Ratten im ersten und zweiten Kellergeschoss eines altehrwürdigen Hotels auf einer der Fortieth Streets. Viele leben versteckt in der Untergrundbahn; nur in den frühen Morgenstunden, wenn die Züge noch in großen Abständen fahren, klettern sie auf die Bahnsteige und stöbern in Schokoladenpapieren und Erdnussschalen. Seit langem schon führen unter den Bänken mindestens zweier Fahrhäuser Laufwege von Ratten entlang. Im Frühling und Sommer leben massenhaft Wanderratten in großen labyrinthischen Bauen auf leeren Grundstücken und in Parks. Im Central Park gibt es riesige Kolonien dieser Spezies. Nach dem ersten Kälteeinbruch ziehen sie los, um nach warmen Kellern zu suchen. In Herbstnächten hat man sie schon in Rudeln über die Boulevards und Querstraßen im Park und über die Fifth Avenue und die Central Park West streifen sehen. Den ganzen Oktober und November über erhalten Schädlingsbekämpfungsunternehmen aufgeregte Anrufe von Verwaltern älterer Apartmenthäuser in den Straßen am Park; die meisten neueren Gebäude sind dagegen schon rattensicher gebaut. Nahezu jeden Morgen gegen halb fünf kommen die Ratten zu zweit oder dritt in den Nebenstraßen des Theaterdistrikts ans Tageslicht. Zu dieser Zeit rollen die kahnähnlichen Laster, die in ganz Manhattan Küchenabfälle von Restaurants, Nachtclubs und Kneipen für Schweinefarmen und Seifenfabriken in New Jersey einsammeln, durch die Straßen. Kurz nachdem die Laster die Abfälle aufgeladen haben, tauchen die Ratten wie aus dem Nichts in den menschenleeren Straßen auf und stöbern nach herabgefallenen Resten.


Die New Yorker Stadtratten sind gewitzter als die Farmratten, und sie können jeden Menschen, der sich nicht eingehend mit ihren Gewohnheiten befasst hat, überlisten. Dennoch verbringen sie den größten Teil ihres Lebens in panischer Angst; die Hausratten fürchten die Wanderratten, und beide Spezies fürchten den Menschen. Außerhalb ihres Nestes befinden sie sich meist am Rande der Hysterie. Dann beißen sie Babys (es kommt sogar vor, dass sie eines zu Tode beißen) und schlafende Erwachsene, aber normalerweise nehmen sie vor Menschen Reißaus. Wenn sie sich bedrängt fühlen oder auch nur überrascht werden, greifen sie an. Sie kämpfen so erbittert wie tollwütige Hunde; mit gebleckten Zähnen springen sie vor und zurück, knurren, schnappen und kratzen. Eine in Not geratene ausgewachsene Hausratte kann einen Meter weit und einen dreiviertel Meter hoch springen, und die Wanderratte ist kaum weniger agil. Feuerwehrleute fürchten sie sehr. Eine der Gefahren bei einem Brand in einem Trödelladen oder einem alten Lagerschuppen sind die rasend gewordenen Ratten. Sie aufzustören ist gefährlich. Leicht laufen sie einen Stock oder Besenstiel hinauf, und ihre Bisse ­hinterlassen tiefe, klaffende Wunden auf der Hand ihres Angreifers. Vor etwa einem Monat versuchte ein Stallbursche eine Ratte mitten am Tag vor einer Reitschule in der West Side mit einem Schrubber zu erschlagen; sie flitzte den Schrubberstiel hoch und biss dem Jungen den Daumennagel der linken Hand weg. Das war vor allem deswegen ungewöhnlich, weil die Ratte am helllichten Tag angriff. Für gewöhnlich sind die New Yorker Ratten nämlich nachtaktiv. In vielen Vierteln streunen sie durch die Straßen, aber erst nach Sonnenuntergang. Lautlos wie Spione huschen sie im Schatten entlang der Fassaden oder durch die Rinnsteine, spähen hierin und dorthin, schnüffeln mit zitternder Schnauze, und nichts von dem, was um sie herum passiert, entgeht ihnen. In den zwei, drei Stunden vor Morgendämmerung sind sie am wenigsten auf der Hut, und wer zu dieser Zeit unterwegs ist wie die Milchmänner, Nachtwächter, Putzfrauen und Polizisten, begegnet ihnen am häufigsten. Die meisten Leute bekommen sie dagegen nie zu Gesicht. Wenn doch, hinterlässt dies immer ein ungutes Gefühl. Jeder, der in Manhattans unheimlichem Dämmerlicht einer Ratte über den Weg gelaufen ist und sie um die Ecke davonhuschen sah, das scharrende Geräusch ihrer Krallen im Ohr, kann sogleich nachvollziehen, warum das Tier seit Jahrhunderten für Judas und für Spitzel steht, für Gewissenlosigkeit im Allgemeinen. Selbst erfahrene Kammerjäger sagen, dass Ratten sie nervös machen. »Ich bin jetzt seit einunddreißig Jahren in dem Geschäft und muss um die fünfzigtausend Ratten gesehen haben, aber an ihren Anblick hab ich mich nie gewöhnt«, sagte mir kürzlich ein älterer Kammerjäger. »Jedes Mal, wenn ich eine sehe, setzt einen Moment mein Herz aus und mir wird ganz mulmig.« In Entziehungsanstalten ist die Ratte bei Patienten mit Delirium tremens das Tier, das am häufigsten in visuellen Halluzinationen auftaucht. Dort nennt man das Delirium tremens oft auch einfach bloß »die Ratte sehen«.


In New York gibt es drei Rattenarten – die Wanderratte (Rattus norvegicus), die man auch Braune Ratte, Kanal- oder Wasserratte nennt, die Hausratte (Rattus rattus), auch bekannt als Schwarze Ratte oder Schiffsratte, und die Dachratte beziehungsweise Ägyptische Hausratte (Rattus rattus alexandrinus), die wiederum eine Unterart der Hausratte ist. Neunzig von hundert Ratten, die hier in den letzten Jahren getötet wurden, waren Wanderratten, die anderen waren neun Hausratten und eine Dachratte. Die Wanderratte verhält sich den anderen gegenüber feindselig und greift normalerweise an, sobald sie welchen begegnet. Sie tötet ihr Opfer mit einem Biss in die Kehle oder indem sie es mit ihren Krallen in Stücke reißt, und wenn sie Hunger hat, frisst sie es.


Die drei Arten unterscheiden sich in ihrem Verhalten und einigen körperlichen Merkmalen deutlich, aber allen gemeinsam ist, dass sie außerordentlich zerstörerisch, schwer auszurotten und enorm fruchtbar sind, und alle tragen Flöhe und können verschiedene tödliche Krankheiten übertragen. Zu diesen Krankheiten zählt neben der Pest eine Form von Fleckfieber, auch Brill-Krankheit genannt, die in einigen stark von Ratten befallenen Häfen im Süden recht verbreitet ist; Leptospirose, Rattenbissfieber, Trichinose und Tularämie. Die Pest ist die schlimmste davon. Bei Menschen bricht sie zwei bis fünf Tage nach dem Biss eines Flohs aus, der zuvor das Blut einer pestinfizierten Ratte gesaugt hat. Der Ausbruch erfolgt ganz plötzlich, und die typischen Symptome sind extreme Mattigkeit, geistige Verwirrtheit und schwärzliche, äußerst schmerzhafte Schwellungen (genannt Beulen) der Lymphknoten in der Leistengegend und unter den Armen. Die Sterblichkeit ist hoch. Die New Yorker Ratten sind alle flohverseucht, und zwar mit der Spezies Xenopsylla cheopis, welche die Pest mit Abstand am häufigsten überträgt. Benjamin E. Holsendorf, der als Berater in Diensten des Gesundheitsamts steht, hat in mehreren Studien das Vorkommen des Rattenflohs in der Stadt untersucht. Mr. Holsendorf, ein älterer Herr aus Virginia, ist pensionierter pharmazeutisch-technischer Assistent aus dem Gesundheitsministerium und eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet des Rattenschutzes von Schiffen und Gebäuden. Kürzlich überwachte er eine Maßnahme, bei der mehrere tausend Ratten in der Gegend zwischen der Thirty-third Street und der Südspitze von Manhattan in die Falle gegangen sind, und stellte fest, dass sie von durchschnittlich acht Rattenflöhen befallen waren. »Einige Ratten hatten drei Flöhe, andere fünfzehn und wieder andere vierzig«, sagt Mr. Holsendorf, »eine alte Ratte war sogar von Hunderten befallen; ihr fehlte das linke Hinterbein – vielleicht hatte sie es in einer Falle verloren, vielleicht hatte sie es sich auch selbst abgenagt –, und jedes Mal, wenn sie sich kratzte, fiel sie um. Im Schnitt waren es jedenfalls acht. Selbstverständlich war keiner der Flöhe mit Pest infiziert. Ich will mich jetzt nicht weiter darüber auslassen, aber so viel soll gesagt sein: Wenn nur eine pestinfizierte Ratte von einem Schiff auf einen New Yorker Kai kommt und sich ein paar Stunden unter den heimischen, nichtinfizierten Ratten herumtreibt, könnte die Lage, um es vorsichtig zu formulieren, sehr bedenklich werden.«


Ratten vermehren sich beinahe so stark wie Bakterien. Unter günstigen Bedingungen werfen sie in New York drei bis fünf Mal im Jahr, jeder Wurf umfasst fünf bis zweiundzwanzig Junge; den Rekord hält ein Pärchen, das in Gefangenschaft lebte und in sieben Monaten sieben Mal warf. Die Tragezeit beträgt zwischen einundzwanzig und fünfundzwanzig Tagen. Sie wachsen schnell und sind schon im Alter von vier Monaten geschlechtsreif. Ratten werden drei bis vier Jahre alt, manche auch ein wenig älter; eine vierjährige Ratte ist älter als ein neunzigjähriger Mensch. »Ratten, die es schaffen, vier Jahre alt zu werden, sind die klügsten und zynischsten Tiere auf der Welt«, sagt ein Kammer­jäger. »Eine Falle beeindruckt die gar nicht, sie mag auch noch so gekonnt aufgestellt sein. Sie schubsen sie einfach so lange herum, bis sie zuschnappt, dann fressen sie den Köder. Und Giftköder erschnüffeln sie schon auf eine Entfernung von einem Meter. Ich bin überzeugt, dass manche von denen sogar lesen können.« Kammerjäger setzen zur Rattenbekämpfung die verschiedensten Fallen, Gase und Gifte ein. In New York gibt es etwa dreihundert darauf spezialisierte Firmen, angefangen bei Einmannbetrieben bis zu Firmen, die einen ganzen Flur in einem der innerstädtischen Bürogebäude besetzen, große Labors betreiben und gut ausgebildete, oft auch studierte Mitarbeiter beschäftigen. Eine der größten ist die Guarantee Exterminating Company (»Der amerikanische Rattenfänger«) in der Fifth Avenue Nummer 500. Sie betreut unter anderem Krankenhäuser, Schifffahrtsgesellschaften, Bahnhöfe, Warenhäuser, Bürogebäude, Hotels und Apartmenthäuser. Geleitet wird sie von E. R. Jennings, Kammerjäger in der zweiten Generation; 1888 gründete sein Vater das Unternehmen in Chicago. Mr. Jennings sagt, die nützlichsten Rattenfallen seien die altmodischen Schnappfallen und ein Ding namens Leimplatte.


»Wir schwören auf die Leimplatte«, erzählt er. »Das ist eine schlichte Pappschindel, die auf einer Seite mit einem zähen, starken, schwarzen Leim beschmiert wird. Den Leim haben wir vor fünfundzwanzig Jahren entwickelt, und er ist wahrscheinlich das klebrigste Zeug auf der ganzen Welt. Er wurde in der Branche oft nachgemacht und kommt überall zum Einsatz. Die Schindel ist biegsam. Sie kann flach auf den Boden gelegt oder um ein Rohr gebogen werden. Wir platzieren sie auf den Laufwegen der Ratten – den Wegen also, die sie üblicherweise nehmen –, und dazu bedarf es einer gewissen Könnerschaft; man muss schon Fachmann sein, um die Laufwege überhaupt zu erkennen. Um die Leimplatten legen wir Köder aus. Sobald die Ratte mit irgendeinem Körperteil die Platte berührt, ist es um sie geschehen. Wenn sich das Tier nämlich zu befreien versucht, verfängt es sich umso mehr. Je mehr es kämpft, desto mehr klebt es fest. Am nächsten Morgen wird die Ratte samt Leimplatte mit einer Zange eingesammelt und verbrannt. Früher haben wir Hackfleisch, Dosenlachs und Käse als Köder verwendet, aber inzwischen haben wir auch alle möglichen anderen Nahrungsmittel ausprobiert und festgestellt, dass Erdnussbutter ein sehr brauchbarer Ratten­köder ist. Ratten müssen gefangen, vergiftet oder ausgegast werden. Eine hungrige Katze wird Ratten töten, aber darauf kann man sich nicht verlassen – Katzen können zwar den Rattenbestand niedrig halten, aber sie können sie kaum ausrotten.


Insekten, insbesondere Kakerlaken und Bettwanzen, sind New Yorks Schädlinge Nr. 1. An nächster Stelle kommen Ratten. Dann Mäuse. Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber die meisten guten Kammerjäger sind nicht gerade begeistert über Rattenaufträge, weil sie wissen, dass das bloße Töten der Ratten eigentlich nichts bringt. Wenn man montags in einem Gebäude sämtliche Ratten getötet hat und am Mittwoch noch einmal vorbeischaut, dann wimmelt es darin wieder von ihnen. Die einzige Möglichkeit, Ratten aus einem Gebäude herauszuhalten, besteht darin, es vom Keller bis zum Dach rattensicher zu machen. Es ist ein Architekturproblem, man muss sie rausbauen. Sie zu vernichten ist reine Zeitverschwendung. Solche Aufträge nehmen wir nur an, wenn der Besitzer oder Mieter verspricht, jedes Loch und jede Ritze, durch die Ratten hineinkommen, zu verstopfen und im Inneren des Gebäudes jeden Hohlraum, in dem sie nisten können, zu versiegeln. Auch wenn sich das so anhört, wir sägen damit keineswegs an dem Ast, auf dem wir sitzen, keine Sorge: Uns werden immer die Insekten bleiben, die uns mehr als genug Arbeit verschaffen. Vor fünfundzwanzig Jahren kamen auf jeden Einwohner dieser Stadt zwei Ratten. Nach und nach halbierte sich ihre Zahl. Das hat verschiedene Gründe. Ein Grund sind die besseren hygienischen Bedingungen allgemein. Weniger Pferde und Ställe ein anderer. Die bessere Verpackung von Nahrungsmitteln trug auch dazu bei. Wichtig war außerdem die Erweiterung der Befugnisse des Gesundheitsamts. Wenn heutzutage ein Vertreter des Gesundheitsamts Laufspuren von Ratten in einem Lebensmittelladen oder einem Restaurant findet, muss er nur eine Verwarnung aussprechen: Bessert sich daraufhin die Lage nicht schnell, kann er die Besitzer wegen Zuwiderhandlung drankriegen. Aber am wichtigsten sind die moderne Bauweise und der zunehmende Einsatz von Beton. Es ist nahezu unmöglich für eine Ratte, in eines der neueren Apartmenthäuser und Bürogebäude in der Stadt zu kommen. Und wenn sie es schafft, findet sie keinen Platz, wo sie sich verstecken und nisten kann.«


Keine der New Yorker Rattenarten ist einheimisch. Am längsten ist die Hausratte in den USA nachweisbar. Ursprünglich ist sie in Indien beheimatet. Im Mittelalter gelangte sie über die Handelswege nach Europa und kam, wie Historiker meinen, mit den ersten Schiffen nach Amerika. Man findet sie in jedem Seehafen in den USA und im Landesinneren vor allem in den Bundesstaaten am Golf von Mexiko. Sie hat ein blauschwarzes Fell, eine spitze Schnauze und große Ohren. Sie ist sauberer und weniger bösartig als die Wanderratte, aber misstrauischer und schwerer zu fangen. Sie hat geradezu akrobatische Fähigkeiten. Die Hausratte kann rasend schnell an einem Vorhang hinaufklettern, einem Abfluss- oder Heizungsrohr, einem Aufzugkabel, einem Telefondraht oder einer elektrischen Leitung. Sie kann sogar an einem Stromkabel hängend ein Loch in die Zimmerdecke nagen. Geschwind läuft sie auf einem gespannten Draht oder einem Seil, ob es durchhängt oder nicht. Ihr Schwanz ist etwas länger als der Körper und dient ihr dazu, das Gleichgewicht zu halten. Sie nistet auf Dachböden, in den Hohlräumen von Decken und Wänden und in den Aufbauten von Piers, wo sie geschützt ist vor ihrem Feind, der bodenständigeren Wanderratte. Nicht alle Piers sind befallen; auf einigen neueren aus Beton findet man keine einzige Hausratte. Sie hält sich gerne in der Nähe von Wasser auf, und bis vor kurzem begegnete man ihr nur selten im Stadtinneren. Wenn sie kann, geht sie auf ein Schiff und bleibt dort. Alle in New York anlegenden Schiffe müssen ihre Trossen und Fest­macherleinen mit Metallscheiben von einem Meter Durchmesser versehen, dem sogenannten Rattenteller. Diese Rattenteller verschieben sich manchmal – ein starker Wind kann sie zum Beispiel kippen –, und dann können die Hausratte und die Dachratte sie leicht überwinden. Gelegentlich läuft eine Ratte auch gleich über den Landungssteg. Es ist beinahe unmöglich, ein Schiff frei von ihnen zu halten. Einige berühmte Schiffe werden regelmäßig von Rattenplagen heimgesucht. Ein wunderschönes Linienschiff – vor dem Krieg machte es Kreuzfahrten um die ganze Welt – lief einmal mit zweihundertfünfzig Ratten an Bord in den Hafen ein. Mit zwanzig Ratten stuft das Gesundheitsamt ein Schiff mittlerer Größe als stark befallen ein. Den Rekord im New Yorker Hafen hält ein Frachter aus einem orientalischen Hafen, der mit sechshundert Haus- und Dachratten anlegte. Diese beiden Arten sind sich sehr ähnlich und das ungeübte Auge kann sie nicht unterscheiden. Die Dachratte wird regelmäßig auf Schiffen aus Mittelmeerhäfen gefunden. Sie stammt ursprünglich aus Ägypten, wann sie das erste Mal in diesem Land auftauchte, scheint allerdings niemand zu wissen, nicht einmal ahnungsweise. Im New Yorker Hafen hat sie nie recht Fuß fassen können, in Südstaatenhäfen und am Golf von Mexiko findet man sie dagegen zuhauf.


Die Wanderratte, Rattus norvegicus, stammt ursprünglich aus Zentralasien und breitete sich Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aus; England erreichte sie etwa um 1730. In der Fachwelt herrscht die Überzeugung vor, dass sie während des Unabhängigkeitskriegs in die Vereinigten Staaten kam. Von den Häfen an der Ostküste drang sie mit den ersten Siedlern ins Inland vor und inzwischen haust sie in jeder Gemeinde und auf praktisch jeder Farm. Am langsamsten breitete sie sich in den höher gelegenen und trockenen Regionen des Westens aus; Wyoming erreichte sie erst 1919, Montana 1923. Sie hat eine stumpfe Schnauze und kleine, wachsame Ohren. Der Blick aus ihren glänzenden scharfen Augen ist freudlos, böse und vorwurfsvoll. Ihr Fell ist meist von einem schmutzigen Braun, aber es kann auch grau gescheckt bis nahezu schwarz sein. Gelegentlich sieht man partielle Albinos; die zahme weiße Ratte, die als Versuchstier und manchmal sogar als Haustier gehalten wird, ist eine Spielart der Wanderratte.


Die Wanderratte ist nicht nur die verbreitetste, sondern auch die schmutzigste, kämpferischste und größte Rattenart. »Der ungeschulte Beobachter«, bemerkte vor nicht allzu langer Zeit ein Mediziner aus dem Gesundheitsministerium, »hält seine Hände weit auseinander, um zu zeigen, wie groß die Ratte war, die er gesehen hat. Damit möchte er sagen, dass sie etwas kleiner als ein Zuchthengst war, aber um einiges größer als eine Bulldogge. Aber man muss gar nicht übertreiben, sie sind auch so groß genug, bei Gott.« Eine ausgewachsene Wanderratte misst durchschnittlich fünfundzwanzig Zentimeter, den Schwanz nicht mitgerechnet, der im Schnitt siebzehn Zentimeter lang ist. Das durchschnittliche Gewicht beträgt dreihundertfünfzig Gramm. Man hat aber auch schon sehr viel schwerere gefangen. Kürzlich wurde in einer Brauerei in Manhattan eine Ratte erschlagen, die siebenhundert Gramm wog und insgesamt (also mit Schwanz) zweiundfünfzig Zentimeter maß; Brauerei- und Schnapsbrennerei­ratten ernähren sich von der Maische und werden dick und tapsig. Es gibt Kammerjäger, die behaupten, dass die größten Ratten des Landes, vielleicht sogar der Welt, in New York City gefunden wurden, aber Biologen halten es für reine Spekulation, dass sie in einer Stadt größer werden als in einer anderen. Die Hausratte und die Dachratte sind ungefähr um ein Drittel kleiner als die Wanderratte.


Die Wanderratte lebt in allen fünf Stadtbezirken. Für gewöhnlich nistet sie auf oder unter Straßenniveau – unter den Fußböden, in verwahrlosten Kellern und unterirdischen Gängen und Höhlen. In New York haben viele Keller von Sandstein- und Ziegelhäusern und von Büro- und Gewerbegebäuden noch einen Boden aus gestampfter Erde; das ist für eine Ratte das reinste Paradies. Die Wanderratte kann sich in das härteste Erdreich graben, selbst wenn es aus Lehm besteht, und sich durch ein­fachen Mörtel aus Sand und Kalk wühlen. Um von einem Keller in den nächsten zu kommen, gräbt sie sich auch unter Haustrennmauern durch; Arbeiter von Abrissunternehmen entdecken regelmäßig labyrinthische Rattenbaue, die sich über die Häuser eines ganzen Straßenzugs erstrecken. Wie eine Elster stiehlt die Wanderratte irgendwelchen Kleinkram, auch Münzen, und hortet ihn. In den Nestkammern eines größeren Rattenbaus unter einer Miets­kaserne in Chelsea fanden Arbeiter kürzlich eine leere Lippenstifthülse, eine religiöse Medaille, einen Schraubenschlüssel, einen Kauring aus Zellulose, eine Gürtelschnalle, einen Schuhlöffel, einen Penny, einen Dime und drei Vierteldollarstücke. Auch Papiergeld hat man schon gefunden. Als das Civic Repertory Theatre abgerissen wurde, entdeckte man in einem Bau ein Nest, das ganz aus Dollarnoten bestand, insgesamt siebzehn. Kammerjäger sind überzeugt, dass eine große Zahl der Feuer »aus ungeklärter Ursache«, wie es heißt, auf Wanderratten zurückzuführen ist. Sie entstehen durch einen Kurzschluss, wenn die Ratten die Isolierung von einem Stromkabel abgenagt haben. Sie benutzen auch oft leicht brennbare Materialien für den Nestbau. Die meisten Nester in der Nachbarschaft einer großen Autowerkstatt beispielsweise werden aus öldurchtränkten Baumwolllappen gebaut sein.


Die Wanderratte besitzt Knochen wie aus Gummi und kann sich durch Ritzen und Spalten quetschen und winden, die halb so breit sind wie sie selbst. Sie hat starke Kiefer und lange, gebogene, messerscharfe Schneidezähne. Sie kann in Eichenbretter, Schieferschindeln oder luftgetrocknete Ziegel Kuhlen nagen, die groß genug sind, damit sie bequem darin Platz hat. Angezogen von dem Geräusch fließenden Wassers, nagt sie Eisenrohre an. Sie kann zwar weder so gut klettern noch so weit springen wie die Haus- und die Dachratte, und sie ist auch nicht so schnell, dafür ist sie für ihre Größe eine hervorragende Schwimmerin. Eine Patrouille der Hafenpolizei entdeckte einmal mitten im Hudson drei Wanderratten, die aus New Jersey gekommen sein mussten; in einer Stunde fünfundzwanzig Minuten erreichten sie trotz Gegenwinds und hoher Wellen die Pfeiler von einem Fähranleger an der Barclay Street, wo die Polizisten sie erschossen. Die Wanderratte ist ein pantophager Aasfresser, dem es offenbar egal ist, ob seine Nahrung frisch oder verdorben ist. Sie frisst Seife, Ölfarbe, Schuhleder, Messergriffe aus Knochen, den Leim von Buchrücken und den Gummi in der Isolierung von Telefon- und Stromkabeln. Sie kommt tagelang ohne Nahrung aus und kann ihren Flüssigkeitsbedarf mit Kondenswasser decken, das sie von Metallflächen leckt. Sämtliche Ratten sind Vandalen, aber die Wanderratte ist am schlimmsten. Sie zerstört sehr viel mehr, als sie verbraucht. Statt ein paar Kartoffeln ganz aufzufressen, nagt sie Dutzende an. Methodisch vernichtet sie über Nacht den gesamten Äpfel- und Birnenbestand in einem Lebensmittelladen. Um einer winzigen Menge Nestmaterial willen zerfetzt sie stapelweise Kleidung, Teppiche, Polsterungen und Bücher. In Warenlagern hinterlässt sie gelegentlich eine Spur der Verwüstung. Innerhalb weniger Stunden kann ein Rudel Ratten ein fürchterliches Durcheinander anrichten, indem es in hunderte Säcke mit Mehl, Getreide, Kaffee und anderen Nahrungs­mitteln Löcher reißt und den Inhalt verstreut und verunreinigt. Auf Märkten mit Lebendgeflügel verfallen Wanderratten manchmal in einen regelrechten Blutrausch. In dem Abschnitt des Gansevoort Market am Hudson, wo Geflügel verkauft wird, biss eine Ratten­familie eines Nachts mehr als dreihundert Hühnern die Kehlen durch, um nicht einmal ein Dutzend davon zu fressen. Als dieser Teil des Marktes 1942 aufgegeben wurde, hatten die Ratten dort praktisch die Herrschaft übernommen. Einige nisteten sogar in den Schubladen der Theken. Als man sie aufzog, sprangen die Tiere knurrend heraus.


Bislang war die Beulenpest in den Vereinigten Staaten nicht mehr als eine Drohung. Von 1898 bis 1923 registrierte man allein in Indien 10.822.331 Todesfälle; in demselben Zeitraum waren es in den Vereinigten Staaten weniger als dreihundert. Das erste Mal tauchte hierzulande die Pest im Jahr 1900 auf, und zwar in San Franciscos Chinatown. Man geht davon aus, dass der Erreger durch infizierte Ratten eingeschleppt wurde, die sich von einem alten Fernost-Handelsschiff, das beim Entladen in Brand geriet, auf die Kais flüchteten. Dieser Epidemie, die bis Ende 1903 andauerte, fielen hundertdreizehn Menschen zum Opfer. 1907, ein Jahr nach dem Erdbeben, brach erneut die Pest aus. Im selben Jahr kam es in Seattle zu einer Epidemie. In New Orleans gab es zwei Epidemien – eine 1914 und eine von 1919 bis 1920 – und in Los Angeles eine von 1924 bis 1925. Seither gab es nur einzelne Fälle von Pesterkrankung. Allerdings ist eine bedrohlich große Zahl der Nager, die in den ländlichen Gebieten im Westen der USA leben, mit Pest infiziert. Während der ersten Epidemie in San Francisco flohen viele Ratten aus der Stadt und steckten andere Nager an, hauptsächlich Eichhörnchen in den Vororten. 1934, dreißig Jahre später, entdeckten Biologen vom Gesundheitsministerium, dass die Pest sich unter Wühltieren wie Erdhörnchen, Präriehunden und Streifenhörnchen langsam nach Osten bis nach New Mexiko und Wyoming verbreitet hatte. Ende letzten Jahres entdeckte man sie dann achtzig Kilometer vor der Westgrenze von North Dakota. Vertreter des Gesundheitsministeriums sagen, dass es keinen Anlass zu der Hoffnung gebe, die Infektion würde sich nicht unter den Nagern der Great Plains verbreiten, den Mississippi überqueren und auch in den Ostküstenstaaten auftauchen. Die meisten erkrankten Tiere leben in wenig besiedelten Gebieten und kommen nur selten mit Menschen in Kontakt. Dennoch werden jedes Jahr mehrere Menschen, vor allem Jäger, von infizierten Nagerflöhen gebissen und erkranken an der Pest. Darüber hinaus besteht immer die Möglichkeit, dass infizierte Nager die ländlichen Gebiete verlassen und die Krankheit auf Ratten in Dörfern und Städten übertragen. Wenn sich die Krankheit unter Stadtratten erst einmal ausbreitet, dann hat das mit großer Wahrscheinlichkeit eine Epidemie unter Menschen zur Folge.


In New York hat es nie einen Pestausbruch gegeben. Zweimal ist die Stadt allerdings nur mit viel Glück davongekommen. 1900 entdeckte man nämlich nicht nur in den Häfen von San Francisco und Port Townsend in Washington pestinfizierte Schiffsratten, sondern auch im New Yorker Hafen. Sie kamen allerdings nur in San Francisco an Land, was zur ersten Beulenpest-­Epidemie in Nordamerika führte. Anfang Januar 1943 entdeckte man das zweite Mal Pestratten im New Yorker Hafen. Untereinander sprechen die Fachleute von der Entdeckung als »der Sache mit der Wyoming«. Wie es zu der Sache mit der Wyoming kam, erzählte mir 1944 Dr. Robert Olesen, medizinischer Direktor der New Yorker Quarantänestation des Gesundheitsministeriums. Zu Dr. Olesen hatte mich Mr. Holsendorf geschickt; vor Jahren hatten sie im Gesundheitsministerium zusammengearbeitet und waren seither befreundet. Ich besuchte Dr. Olesen in seinem Büro in einem alten Ziegelgebäude in Rosebank auf Staten Island mit Blick auf die Narrows.


»Die Sache mit der Wyoming war eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Geschichte des hiesigen Gesundheitswesens, worauf ich noch heute stolz bin«, sagte Dr. Olesen. »Aber ich gebe Ben Holsendorf recht, der kürzlich gesagt hat, es bestünde kein Grund, die Angelegenheit noch länger geheim zu halten. Lassen Sie mich also erzählen.


Zunächst einmal sollte ich vielleicht näher ausführen, wie eine Schiffsinspektion abläuft. Auf jedes Außenhandelsschiff, das den Hafen erreicht, geht eine Gruppe, bestehend aus einem Zoll­beamten, einem Vertreter der Einwanderungsbehörde, jemandem aus der Abteilung für Pflanzenquarantäne aus dem Landwirtschaftsministerium, einem Arzt vom Gesundheitsministerium und einem Hygieneinspektor, dessen Hauptaufgabe darin besteht, das Ausmaß des Rattenbefalls an Bord festzustellen. Während der Arzt Besatzung und Passagiere auf Krankheiten untersucht, die unter Quarantänebestimmungen fallen, durchkämmt der Hygieneinspektor das Schiff nach Laufspuren, Nagespuren, Köteln und Nestern von Ratten. Der Geruch von Ratten ist so charakteristisch wie der von Katzen, wenn auch nicht ganz so penetrant, und ein erfahrener Inspektor wird allein daran einen Befall feststellen. Besonders aufmerksam ist der Inspektor bei Schiffen, die auf der Fahrt einen Pesthafen angelaufen haben. Im Moment gibt es mehrere solcher Häfen; in Suez kam es gerade zu einem Ausbruch, so dass es in die Liste aufgenommen wurde. Wenn der Inspektor fertig ist, erstattet er dem Arzt Bericht, der bei einem schlimmen Befall eine Ausgasung anordnet. Ist der Befall nur leicht und das Schiff kommt aus einem pestfreien Hafen, wird der Arzt wahrscheinlich nicht auf einer Ausgasung bestehen. Die Zahlen aus den Kriegszeiten werde ich Ihnen nicht nennen, aber zu Friedenszeiten inspizierten wir im Verlauf eines typischen Monats fünfhundertsechzig Schiffe, stellten bei hundertzweiunddreißig Schiffen einen leichten Befall fest und begasten vierundzwanzig, aus denen wir insgesamt achthundertzehn tote Ratten bargen.


Seit Kriegsbeginn herrscht bei uns Personalmangel, weshalb die Begasung in erster Linie von zweiundzwanzig Männern von der Küstenwache übernommen wird. Man hat sie uns zu Kriegsbeginn unterstellt und wir gaben ihnen eine Einweisung, wie eine Ratteninspektion und eine Begasung erfolgt. Bei der Begasung setzen wir Blausäure ein, die zu den tödlichsten Giften zählt. Ein befallenes Schiff muss draußen ankern, und dann geht ein Begasungstrupp, bestehend aus vier oder fünf Leuten von der Küstenwache, an Bord. Zuerst schicken sie die gesamte Besatzung an Land, wobei sie jeden Einzelnen genau untersuchen. Dann läuft einer durch das Schiff und ruft und schlägt mit einem Schraubenschlüssel gegen jedes Schott und produziert dabei so viel Lärm wie möglich. Er brüllt: ›Gefahr! Begasung! Giftgas!‹ Dann streifen die Leute von der Küstenwache Gasmasken über und werfen ein paar Tränengasbomben in die Frachträume. Damit sollen die blinden Passagiere aufgescheucht werden, die sich möglicherweise noch an Bord aufhalten. In den ersten Monaten, in denen wir die Blausäure eingesetzt haben, sind nämlich ein paar blinde Passagiere zu Tode gekommen. Vor einigen Wochen trieb das Tränengas in einem südamerikanischen Frachter acht blinde ­Passagiere aus einem leeren Wassertank hervor, wo sie sich versteckt hatten. Zwei Besatzungsmitglieder hatten sie in Buenos Aires an Bord geschmuggelt und auf der Fahrt mit Essen versorgt. Die beiden Kerle waren ohne einen Pieps zu sagen an Land gegangen und hatten die blinden Passagiere einfach ihrem Schicksal überlassen. Wenn dann also die Küstenwache überzeugt ist, dass keine Menschen mehr an Bord sind, versiegeln sie die Frachträume und Kabinen, öffnen die Blausäuredosen und lassen das Gas ent­weichen. Sie räuchern sogar die Rettungsboote aus, da sich darin oft Ratten verbergen. Nach einer bestimmten Anzahl von Stunden – bei einem mittelgroßen Schiff sind es zehn – werden die Frachträume geöffnet und ausgiebig gelüftet, und die Männer von der Küstenwache gehen runter und suchen nach toten Ratten. Die Ratten werden in Wachspapierbeutel gelegt und in unser Labor hier im Keller gebracht. Dort werden sie auf Flöhe abgesucht. Die Flöhe werden in einem Mörser zerstoßen, in eine Lösung gelegt, und die wird dann Meerschweinchen i­njiziert. Danach werden die Ratten obduziert und Stücke der Leber und der Milz herausgeschnitten und im Mörser zerstampft. Auch diese Masse kommt in eine Lösung und wird Meerschweinchen injiziert. Wenn die Flöhe und Ratten infiziert waren, erkranken die Meerschweinchen und sterben. Mit dieser Arbeit haben wir 1921 begonnen und in den zweiundzwanzig Jahren vielen, vielen Meerschweinchengenerationen die Flöhe, Lebern und Milzen von Ratten aus praktisch jedem Hafen der Welt injiziert, ohne auch nur einmal auf einen Pesterreger gestoßen zu sein. Nicht dass wir uns das gewünscht hätten, Gott bewahre, aber es gab Tage, da haben wir an dem Sinn unseres Tuns gezweifelt.


Wie dem auch sei, am 10. Januar 1943 legte spätabends der französische Frachter Wyoming aus dem nordafrikanischen Casablanca mit einer gemischten Fracht an, vor allem Wein und Tabak. An diesem Abend erreichte uns auch ein großer Konvoi von sechzig oder siebzig Schiffen, und wir kamen erst am nächsten Tag zur Wyoming. Casablanca stand damals auf der Pestliste; im Dezember, kurz bevor die Wyoming in See stach, hatte es dort einen Ausbruch gegeben. Die Besatzung wurde gründlich untersucht, aber es wurden keine Hinweise auf eine Erkrankung gefunden. Dann zauberte der Kapitän eine Bestätigung aus der Tasche, dass man das Schiff kürzlich begast habe – in Casablanca, wenn ich mich recht erinnere – und es frei von Ratten sei; im Nachhinein bin ich mir ziemlich sicher, dass der Beamte, der die Bescheinigung ausgestellt hat, bestochen worden war. Dem Schiff wurde ein Platz an Pier 34 in Brooklyn zugewiesen, wo man einige Postsäcke an Land brachte. Am nächsten Tag wechselte es auf Pier 84, am Hudson River, und man fing an, die Ladung zu löschen. Schauermänner haben dabei ein paar Ratten gesichtet, so dass wir am 13. Januar rüber sind und tatsächlich Hinweise auf einen Befall entdeckt haben. Man erlaubte aber, mit dem Löschen der Ladung fortzufahren. Am 18. Januar gasten wir sie direkt am Kai aus und fanden zwanzig tote Ratten. Die untersuchten und obduzierten wir und impften ein Meerschweinchen mit der Lösung. Vier Tage darauf erkrankte es und starb. Die Autopsie ließ auf eine Pestinfektion schließen, und die Kulturen, die wir von dem Herzblut des Tiers anlegten, zeigten einen ­ovalen Organismus, der sämtliche Merkmale von Pasteurella pestis besaß. Wir bereiteten aus Gewebeproben dieses Meerschweinchens eine Lösung und impften damit ein zweites Meerschweinchen. Auch das erkrankte und starb. Es war der Schwarze Tod, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Das erste Mal seit dreiundvierzig Jahren hatten wir den Erreger im Hafen festgestellt.


Mittlerweile lag die Wyoming nicht mehr am Hudson, sondern an Pier 25 auf Staten Island, wo verschiedene Reparaturen vorgenommen werden sollten. Am 29. Januar gingen wir an Bord, brachten überflüssiges Stauholz und Gerät an die Decks und rissen in den Frachträumen sämtliche Hohlräume auf, weil wir Sorge hatten, dass die Blausäure nicht überall hingelangt war. Dann begasten wir das Schiff noch einmal. Wir fanden zwölf weitere Ratten. Am selben Tag nahmen wir Verbindung mit Dr. Stebbins auf, dem Gesundheitsbeauftragten der Stadt, und setzten ihm die Lage auseinander. Wir waren in höchster Alarmbereitschaft. Die Wyoming hatte an verschiedenen Piers mit Rattenbefall in insgesamt drei Stadtbezirken angelegt, und es bestand der begründete Verdacht, dass infizierte Ratten an Land gegangen waren und jetzt am Wasser herumwanderten, wo sie in Kontakt mit den ansässigen Ratten kommen und Flöhe übertragen konnten. In seiner Eigenschaft als Rattenexperte des Gesundheitsamts stellte Mr. Holsendorf sogleich einige Mannschaften zusammen, die am Brooklyn-Pier, am Manhattan-Pier, am Staten-Island-Pier und in den Gebäuden in der unmittelbaren Umgebung Schnapp­fallen aufstellen sollten. Die ganze Aktion erfolgte so unauffällig wie möglich, weil wir befürchteten, dass die Presse Wind davon bekommen und eine Panik auslösen könnte. Anfang Februar wurde der erste Schwung Ratten zur Obduktion in das Labor des Willard Parker Hospital geschickt, das auf ansteckende Krankheiten spezialisiert ist und seinen Sitz am East River in der ­Fifteenth Street hat. Wir haben sie dorthin und nicht in unser eigenes Labor gebracht, um möglichst rasch Ergebnisse zu erhalten. Voller Angst warteten wir auf den Bericht. Er fiel für sämtliche Ratten negativ aus und wir atmeten erst einmal auf. Mr. Holsendorf und seine Leute stellten von Ende Januar bis Mitte Mai Fallen auf und auch die folgenden Ergebnisse fielen negativ aus. Ende Mai kamen wir zu der Überzeugung, dass keine der Ratten von der Wyoming an Land gegangen und die Stadt nicht gefährdet war.«



(1944)

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Joseph Mitchell

Joseph Mitchell

wurde in Iona (North Carolina) geboren. Im Alter von 21 Jahren kam er einen Tag nach dem Börsenkrach 1929 nach New York und begann seine journalistische Laufbahn als Kriminalreporter bei verschiedenen Tageszeitungen. Er gilt als Mitbegründer des New Journalism. Als Chefreporter des New Yorker wurde er zur lebenden Legende. Nach seiner Reportage »Joe Gould’s Secret« (1964) veröffentlichte er bis zu seinem Tod keine Zeile mehr, suchte jedoch täglich sein Büro auf.

Weitere Texte von Joseph Mitchell bei DIAPHANES
Joseph Mitchell: Zwischen den Flüssen

Joseph Mitchell

Zwischen den Flüssen
New Yorker Hafengeschichten

Übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf

Gebunden, 268 Seiten

Joseph Mitchells sechs lange Reportagen über New York und seine Hafengegend sind längst legendär. Auf seinen Wegen zwischen Hudson River und East River, Staten Island, Fischmarkt und Fährhafen begegnet er Außenseitern und Exzentrikern und lässt sich von den Gerüchen und den Geschmäckern des Hafens faszinieren. Umgetrieben von den Nischen und Lücken der allgemeinen Geschichtsschreibung, schreibt er von einem leerstehenden Hotel über einem geschäftigen Fischrestaurant, vom Leben der Ratten, die von den Schiffen in den Hafen strömen, vom Kapitän der größten Fischereiflotte der Region und von anderen Menschen, die auf die eine oder andere Weise alle mit dem New Yorker Hafenviertel verbunden sind.