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Alexander Kluge, Joseph Vogl: Was für einen Roman erzählt die Börse?
Was für einen Roman erzählt die Börse?
(S. 247 – 258)

Bankrotte des 20. Jahrhunderts

Alexander Kluge, Joseph Vogl

Was für einen Roman erzählt die Börse?

Aus: Soll und Haben. Fernsehgespräche, S. 247 – 258

ROMANE verbinden menschliche Erfahrungen 
zu einem POETISCHEN NETZ / 
Das genaue Gegenteil davon macht ein BÖRSEN-CRASH / 
Zum Verhältnis von BÖRSE und ROMAN –




Kluge: Wenn Sie einmal ins Auge fassen: Bankrotte des 20. Jahrhunderts. Wo würden Sie die festmachen?


Vogl: Es gibt natürlich die herausragenden Daten 1923 und 1929. Neunzehnhundertdreiundzwanzig passierte das, was man galoppierende oder Hyperinflation nennt, das Zusteuern auf das schwarze Loch des Staatsbankrotts. Und der Schwarze Freitag 1929 war ein Datum, an dem ausgehend von der Wall Street in New York, mit dem Umfallen …


Kluge: … mit einem Tag Verschiebung zum Black Thursday in den USA kommt die Katastrophe in Europa, mit einem Tag Verspätung, am Schwarzen Freitag an, benannt nach einem Unglückstag, den man bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen kann. 


Vogl: Das kommt hier an wie eine Sturmwelle, in Deutschland, in der Weimarer Republik. Von beiden Daten hätte man in früheren Zeiten wohl gesagt, dass sie rein spirituelle Ereignisse sind, Ereignisse, die wenig mit materiellen Dingen, mit Materiezuständen zu tun haben, sondern …


Kluge: Von Saulus zu Paulus wird also ein Bekehrungserlebnis wirksam.


Vogl: Man könnte es mit einem Ausdruck von Gilles Deleuze als eine Art körperlose Transformation begreifen: Es passiert etwas. An den Körpern ist das Ereignis nicht ablesbar, und dennoch hängen die Körper wie Marionetten an diesem Ereignis und fangen an, nach diesem Ereignis zu tanzen, die Gebäude bleiben stehen, die Börse bleibt stehen, die Architektur …


Kluge: Sie bleiben stehen, wie bei Dornröschen. Vom Jahr 1929 bis 1932 bleibt etwas stehen.




Die vergessene Firma
Inmitten des Verfalls der Kurse am Schwarzen Donnerstag 1929 hielten sich, ganz unbeachtet, die Werte einer Aktiengesellschaft namens Phönix & Agros AG. Die Gesellschaft schien Boden­flächen auf Zypern zu besitzen und betrieb alchemistische Werkstätten in Aleppo, wo sie in Labors Spitzenweine chemisch nachahmte; auch hatte sie Entwürfe für populäre Getränke hergestellt, die bis Mitte des Jahrhunderts auf die Märkte gebracht werden sollten.
Ob irgend jemand an den im Prospekt der Aktiengesellschaft ausgewiesenen Aufgaben im Oktober 1929 noch arbeitete, weiß man nicht. Die Geschäfte der Firma wurden von einer Rechtsanwaltskanzlei in Athen treuhänderisch abgewickelt. Die Aktienmehrheit befand sich im Besitz enteigneter südrussischer Adelsfamilien und einer in der Sowjetunion zwangsaufgelösten Versicherungsgesellschaft; die A­dligen galten als verschollen. Diese Aktionäre verhielten sich ruhig. Niemand fragte nach den Aktien, niemand verkaufte auch nur ein Stück. So blieben die Kurse dieses Titels bis 1932 kon­stant auf der Höhe des 4. September 1929, ein einsamer Höchststand. Als ein Analyst dann einen Posten davon probeweise kaufte und weiterveräußern wollte, brach auch diese SÄULE DER ALTEN WELT zusammen.


Alexander Kluge, Chronik der Gefühle. Band I, Basisgeschichten, Frankfurt/M. 2000, S. 132



Vogl: Es bleibt etwas stehen, und es zieht ein unsichtbares Ereignis, fast wie ein Verkündigungsengel, durch diese Gebäude und hinterlässt eine Veränderung, die nicht an materiellen Dingen ablesbar ist, aber ihre Lage, ihr Wesen bestimmt. Und dieses Verhältnis von manifester Sichtbarkeit, Spürbarkeit, Wahrnehmbarkeit auf der einen Seite und einem anderen, man könnte sagen, semiotischen Ereignis auf der anderen Seite, das sich in Zeichen, in Zahlen, in semiotischen Sachverhalten niederschlägt – dieses Verhältnis bestimmt nun die Ordnung der Dinge. Das Licht, die Beleuchtung hat gewechselt, das Leben ist aus den Dingen gewichen: Der Bankrott hinterlässt Landschaften, die von einem Augenblick zum anderen, ohne Veränderung eines Steins, ohne handgreifliche Veränderung, ohne materielle Verwüstung zu Ruinen geworden sind. Semiotische Ereignisse. Sowohl 1923 als auch 1929 wären gute Beispiele für die Wirksamkeit semiotischer Ereignisse, sie liefern auch bestimmte Ereignis-Pathologien: 1923 etwa, im Zeichen der Hyperinflation, registriert man in Irrenanstalten, in Nervenkliniken Leute, die einem eigentümlichen Zählzwang verfallen sind; im Takt der explodierenden Geldsummen und Preise, wo hundert Mark zu Hunderttausend, zu Millionen, zu Billionen geworden sind, wo am Ende eine Billion Papiermark eine Goldmark bedeutet – in diesem Galopp verirrt sich der rechnende und zählende Verstand, er verliert sich, holt die Zahlenwirklichkeit nicht mehr ein, verliert die Fassung, wird verrückt durch die Zahlenereignisse. Wie kann man diese spirituelle Heimsuchung, diese Bedrängnis …


Kluge: … 60 Billionen Reichsmark, 80 Billionen Reichsmark …


Vogl: … wie lässt sich das sinnlich fassen, wie kann man dem von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute hinterherzählen, wie kann man das mit seinem Leben einholen?




VERZEHNFACHUNG des Dollarkurses seit Kriegsausbruch / Dollar­kurs in Papiermark: JULI 1914: 4,20; JANUAR 1920: 41,98; 3. JULI 1922: 420,00; 21. OKTOBER 1922: 4430,00; 31. JANUAR 1923: 49.000,00; 24. JULI 1923: 414.000,00; 7. SEPTEMBER 1923: 53.000.000,00; 3. OKTOBER 1923: 440.000.000,00; 11. OKTOBER 1923: 5.060.000.000,00: 22. OKTOBER 1923: 40.000.000.000,00; 20. NOVEMBER 1923: 4.200.000.000.000,00




Vogl: Man könnte von diesen Sachverhalten, von diesen Phänomenen der Hyperinflation, als von einer Art fiskalischer Erhabenheit sprechen, das heißt: ein dramatischer Gemütszustand, in dem die Anschauung, die Fassungskraft der sinnlichen Vermögen, aber auch die Einbildungskraft versagen und zu einem Taumel führen. Das wäre eine elementare Definition des Erhabenen, die Kant einmal gegeben hat. Wie man vor der Unermesslichkeit des Firmaments oder vor der Unermesslichkeit des aufgewühlten Ozeans oder vor dem Unendlichen oder dem schlechthin Großen Schwindelgefühle, Taumelgefühle bekommen kann, so gerät man angesichts der wuchernden Zahlen in einen Taumel und wird von der manifesten Unfähigkeit heimgesucht, ein sinnliches Pendant, eine Anschauung zu finden. Man hat es mit einem ökonomischen Geschehen zu tun, an dem die unmittelbare, sinnliche Darstellung scheitert. Und das führt zu pathologischen Zuständen, wenn Pathologie auch bedeutet, pathisch, also empfindungsmäßig, heftig und affektiv, geradezu ohnmächtig von etwas berührt zu sein. Inflationen und Bankrotte gehören auch in eine Geschichte des Erhabenen. 


Kluge: Nach dem Mittelalter entsteht doch beim Menschen in Europa ein kleines inneres Licht, es entsteht eigentlich zugleich mit dem reformatorischen Glauben, mit dem radikalisierten Mittelalter, und dieses heißt: Ich kann sparen, ich kann mir einen Wert vorstellen unabhängig von der Zeit, unabhängig von meiner Lebenszeit, ich kann mir für meine Enkel einen Gewinn vorstellen, den ich jetzt erwirtschafte. Das ist doch der Schatzgräber?


Vogl: Das wäre vielleicht der Schatzgräber, und das ist natürlich auch die Erfindung einer irdischen Ewigkeit, die darin besteht, dass neben der natürlichen Reproduktion, neben der Lenden- und Zeugungskraft, dass also neben dieser irdischen, fleischlichen Reproduktion etwas erkennbar wird, das man symbolische Reproduktion nennen könnte; die Tatsache, dass Besitztümer gespeichert werden können, dass sich Besitztümer in haltbare Metalle verwandeln ­können …


Kluge: … dass sie hecken können …


Vogl: … ja, dass also dieses Gold, das heckende Geld im späten Mittelalter eigene Fortpflanzungsideen entwickelt. Man darf ja nicht vergessen, dass die Geldverleiher, die Geldhändler, die Wucherer disqualifiziert waren, vorgesehen für einen eigenen höllischen Bereich, das Fegefeuer.


Kluge: Und jetzt finden sie Zugang, werden wirkungsvoll. Es werden Schiffe ausgerüstet von der Ostindischen Kompanie, und von den Gewürzinseln kommt jetzt der Gegenwert des Geldes zurück, es entstehen Verzauberungen des Wertes, und das Lichtchen, das ich in mir habe, die Kraft des Glaubens hängt sich ans Geld; und das findet sich jetzt als kleines Licht in jeder Ware, ein Glanz, der die Spekulationen ausmacht. Ist das richtig?


Tauschwert, »Warenfetisch« / 
Entstehung des Kredits


Vogl: Man könnte es so formulieren: Es ist ja im Grunde nicht nur ein Licht, sondern eine Schrumpfform des »ewigen Lichts«, das in Münzen jetzt zirkuliert, Zeichen eines ewigen Lebens. Und nicht nur die Sonne, das Leben, der Organismus haben ihre eigenen Temperaturen und Hitzen, sondern auch diese Dinge, diese Wertdinge, diese Wertfetische sind beseelt, lebenswarm, sie regen und bewegen sich, geraten in Umlauf, zirkulieren, haben eigene Bewegungskräfte. Im Innenleben der Dinge und im moralischen Innenleben der Leute stellt sich ein Verhältnis zu einer Art irdischer Ewigkeit her, die Unvergänglichkeit ökonomischer Wertsubstanzen, ein seltsames Leben nach dem Tod, an das man glauben kann. 


Kluge: Das ist eine neue Tugend, sie muss nicht von innen individuell hergestellt werden unter Quälerei, unter Widersprüchen, sondern sie wird von außen diktiert.


Vogl: Sie wird von außen diktiert, und bemerkenswert ist, dass dieser neue Wert nun immer größere Kreise zieht, dass er also nicht nur innerhalb eines Fürstentums, sondern über die Kontinente hinweg zu zirkulieren beginnt, dabei ein eigenes Leben mit eigenen Beinen, eigenen Gesichtern, einer eigenen Zeit zu leben anfängt. Vielleicht sind es drei Dinge, die mit der Verbreitung des ökonomischen Werts gegen Ende des Mittelalters – und da natürlich vor allem in den italienischen Stadt-Staaten – auftauchen: zunächst das Eindringen, das Durchsickern einer neuen Moral, die nur noch in bestimmten Punkten mit einer christlichen Morallehre übereinstimmt, das wäre das erste …


Kluge: Insofern, dass ich gottgefällig bin, wenn mein Vermögen sich vermehrt hat, das heißt, ich kann außen zählen, wie gut ich innen bin.


Vogl: Ja natürlich, man könnte sagen, es gibt so etwas wie eine rechnende Moral dabei, quantifizierbares Gutsein. 


Kluge: Ein Maßstab für Fleiß, ein Maßstab für Intelligenz, ein Maßstab für Kontinuität.


Vogl: Auch ein Maßstab für Bosheit. Wenn der Wucherer gegen Ende des Mittelalters etwa einmal ins Fegefeuer kommt, dann funktioniert dieses Fegefeuer genau nach einem rechnenden Maßstab. Das heißt, man wird dorthin verurteilt, sitzt soundsoviele Jahre ab und erhält damit auch sein Quantum Höllenqualen, nach dem Maß des Wuchers, mit Zins und Zinseszins sozusagen. Und erst allmählich, Maß für Maß, wird die schwarze Seele reingewaschen. Und dieser Zusammenhang von Moral und Rechnung wird eine große Zukunft haben, lässt sich noch etwa in der Abrechnung späterer Gefängnisstrafen wiedererkennen. Die quantifizierbare Zeit wird zu einer moralischen Recheneinheit, das wäre ein erster Punkt. Ein zweiter besteht darin, dass das Wertding selbständig wird, dass die Dinge, die Güter wandern können, dass damit ein eigenes Leben entsteht, beseelte Dinge mit eigenem Willen.


»Haben die Waren Füße?« / 
GELD als AUTOPOET


Kluge: Waren haben Füße und sie laufen dahin, wo es ihnen nützt, wo es ihren Herren nützt.


Vogl: Ja. Das wäre der zweite Aspekt. Und der dritte, der spätestens seit der Renaissance und dann bis hin zur Entstehung einer politischen Ökonomie entscheidend wird, bedeutet, dass dieses Leben zugleich eines ist, das sich mehr und mehr dem Wissen und dem bewussten Zugriff entzieht, undurchdringlichen Gesetzmäßigkeiten folgt. Es fängt an, hinter dem Rücken der Individuen eigene Kräfte zu entwickeln, hinter dem Rücken der Leute Zusammenhänge zu stiften, von denen man nichts weiß. Wir sitzen hier an einem Tisch zusammen, sind gleichzeitig aber mit anderen Sachverhalten, anderen Leuten, anderen Personen, mit Banken und Unternehmen, mit Transaktionen und Kontobewegungen vielleicht viel stärker und schicksalhafter verbunden, als wir das hier und jetzt ahnen können. Diese drei Dinge, eine quantifizierbare oder zählende Moral, ein künstliches Leben, das eigene Prinzipien, eigene Beine, eigene seelische und physische Kräfte entwickelt, und schließlich ein Zusammenhang, der hinter dem Rücken, sozusagen in einem Raum des Nichtbewussten, die Leute miteinander verkehren lässt, sie auch dann bewegt, wenn sie an Ort und Stelle stillsitzen – das sind, glaube ich, die Komponenten, die ein neues Verhältnis des Einzelnen zu dem, was er über sich, über seine Moral, über seine Bewegungsfähigkeit wissen kann, herstellen.


Kluge: Es gibt sozusagen nicht nur eine Seite des Schwindelgefühls, es gibt auch einen lesbaren Roman, also wenn die Werte hoch­gehen, runtergehen, dann ist das für junge Menschen, die das lesen können, ein spannender Roman. Kann man das so sehen?


Vogl: Es ist ein spannender Roman, der aber das Problem besitzt, dass die Ereignisse, die geschildert werden, denkbar wenig erzählerisch sind. Wenn also, erstens, jede Erzählung, vom Epos bis hin zum modernen Roman, Ereignisse, Folgen von Ereignissen sichtbar machen will, und wenn sie zweitens diese Ereignisse auch in einer plausiblen, nachvollziehbaren Weise miteinander verknüpfen will, dann stellt das ökonomische Geschehen eine enorme Probe auf das Narrative, auf das Erzählerische selbst dar, denn es müssen ja Ereignisse erzählt werden, die nicht sinnlich sind, nicht bloß zwischen den Körpern passieren, es müssen Ereignisse sichtbar gemacht werden …


Kluge: … wie bei der Börse …


Vogl: … wie bei der Börse etwa, die keinen sichtbaren, handgreiflichen Zusammenhang besitzen. Es müssen also anästhetische Sachverhalte anschaulich gemacht werden.


Kluge: Man kann sich nicht auf die Logik, nicht auf die Notwendigkeit, nicht auf einen einzelnen Willen beschränken, sondern alle Information, die überhaupt möglich ist, ist im Moment des Börsenkrachs bereits im Börsenkurs enthalten, und der bloße Zufall kann hier Veränderungen bewirken.


Vogl: Auch der Zufall kann Veränderungen diktieren, und man kann sagen, Ereignisse dieser Art müssen erzählt werden, wie man statistische Kurven liest: als Bewegungen, die nicht von einzelnen Personen, von Willenskräften, von Entscheidungen, von Befehlen abhängen, die vielmehr die Verwicklung aller Willenskräfte, Personen, Entscheidungen samt ihrer Zusammenhänge anschreiben, samt der Zufälle, und damit eben eine Kurve, den Verlauf einer Kurs- oder Börsennotierung ergeben. Wie erzählt man das? Ich glaube, das ist in der Erzähl­literatur spätestens seit dem 18. Jahrhundert ein eminentes Pro­blem, nämlich den unsichtbaren quantifizierbaren Zusammenhang aller Ereignisse erzählbar zu machen, ihn zurück zu übersetzen in etwas, das ein episches Geschehen, wie früher einmal die Odyssee, ergeben könnte. Wie kann man erzählen, wenn diese Ereignisse nicht mehr darin bestehen, von Insel zu Insel zu reisen, von einer Begegnung zur nächsten zu gelangen?


Kluge: Was nennt man einen Roman?


Vogl: Ein Roman – aber das ist keine sehr literaturwissenschaftliche Definition – wäre der erzählerische Zusammenhang disparater Ereignisse, der zugleich den Ort, an dem diese Ereignisse miteinander verknüpft werden, sichtbar machen kann. Anders formuliert: für jeden Roman gibt es ein Prinzip, das er explizit oder implizit ausweist, von dem aus seine erzählten Ereignisse einen elementaren Zusammenhang aufweisen können, eine Verknüpfungsregel. Um Beispiele zu nennen: in dieser Hinsicht ließe sich die Bibel als R­oman verstehen, sofern sie jedes Ereignis mit den anderen unter der Perspektive des Heils verknüpft. So könnte man – unter ganz anderen Gesichtspunkten – auch die Odyssee durchaus als einen Roman im weitesten Sinne begreifen, als einen Roman, der alle Begebenheiten unter der Perspektive der Heimkehr miteinander verbindet. So könnte man unterschiedliche, zum Beispiel flächige, horizontale, wie beim homerischen Epos, oder aufstrebende, vertikale Ereignisketten, wie im Heilsgeschehen, zusammenfügen, die jeweils unterschiedlichen Bedingungen und Verknüpfungsregeln gehorchen und angeben, wie man von einem Ort zum anderen, von einem Datum zum nächsten gelangt.


Kluge: Das ist also eine Grundform des Erzählens?


ROMAN als MAGNET


Vogl: Es ist die Grundform des Erzählens, und das Interessante an diesem Erzählen scheint mir darin zu liegen, dass jeder Roman, der gute und der schlechte, der berühmte und der weniger berühmte, wohl diese Anstrengung unternimmt, nämlich seine Verknüpfungstechnik in irgendeiner Form auch sichtbar zu machen. Er gibt einen Schlüssel dafür, und er funktioniert wie ein Speicher, ein Speicher für den Zusammenhang von Begebenheiten.


Kluge: Ein Roman ist also ein Gefäß?


Vogl: Ja.


Kluge: Ein Gefäß für Erfahrung.


Vogl: Und ich würde sagen: ein Archiv für niedergeschriebene Ereignisse und deren Verbindung untereinander. Hier und dort, mehr oder weniger deutlich wird der Leser an einen Punkt herangeführt, von dem aus die Ereignismasse übersichtlich, geordnet, mit ihrer ganzen Vernetzung vor Augen liegt.


Kluge: Und was ist ein Börsen-Crash im Verhältnis dazu?


Vogl: Ich glaube, wenn man ihn erstens unter der Perspektive der Erzählbarkeit und zweitens der Ereignisverkettung betrachtete, dann wäre der Börsenkrach eine plötzliche Auflösung von erzählbaren Ereigniszusammenhängen.


Kluge: Also nicht Herstellung, Gefäß, Speicher für Ereignisse, sondern die Beendigung, die Implosion eines Romans?


Vogl: Wenn die Börse, der Börsenroman darin besteht, den Weg von einem Ereignis zum anderen – und in ökonomischer Hinsicht könnte man sagen: den Weg von einer Zahlung zur anderen – unter der Bedingung der Fortsetzung jeder dieser Operationen herzustellen, wenn sie also darin besteht, eine Perspektive zu bieten, in der jede Zahlung im Hinblick auf Gewinn und Verlust zugleich eine Fortsetzung, einen möglichen Anschluss garantieren kann, dann wäre der Börsen-Crash die Auflösung dieses Netzwerks: Mit einem Mal sind bestimmte Operationen nicht mehr fortsetzbar. Die Verknüpfungsregel funktioniert nicht mehr.


Kluge: Wegnahme des Schlüssels?


Vogl: Genau. Und die Ereignismasse zerfällt …


Kluge: … Zerschellen des Gefäßes …


Vogl: … oder die Auflösung einer Textur, mit einem Mal wird dieses Gewebe, dieses System, dieses Wegsystem …


Kluge: … zerstückelt …


Vogl: … fällt auseinander, und am Schluss hat man die Singularitäten unverbundener Ereignisse ohne Fortsetzbarkeit übrig; und was bleibt, ist sozusagen ein in Staub aufgelöster Ereigniszusammenhang, ein Haufen, ein Gestöber, in dem die einzelnen Staubkörner ihren Zusammenhang nicht mehr finden können.


BÖRSEN-CRASH / GLAUBENSKRISE


Kluge: Und jetzt muss viel Glaube investiert werden, um das wieder zu reparieren. Aber eigenartigerweise geschieht das ja.


Vogl: Eine Börsenkrise ist natürlich der Ausbruch grassierenden Unglaubens, oder man könnte auch sagen, sie ist der Verlust eines Nichtwissens von Betrug. Dieser Vertrauensvorschuss, der existieren muss, besteht in der seltsam paradoxen Wendung, dass ich glauben, akzeptieren, annehmen muss, in einer sinnvollen, und das heißt auch: ökonomisch erträglichen, effizienten Weise betrogen zu werden. Beispielsweise 1923, die Verwandlung der Reichsmark, also dieser Explosion von Zahlen, dieser Hyperinflation in die Rentenmark, ist nichts anderes, als ein sehr plausibler Betrug, das heißt der Versuch, so zu tun, als ob mit einem Mal und per Dekret bestimmte Immobilien, bestimmte Ländereien verfügbar seien, als ob man sie also mit der Rentenmark sozusagen in der Hand hätte. Natürlich ist das de facto nicht der Fall.


Kluge: Man macht jetzt seine Schatzanweisung auf die Seen, Berge, Flüsse und Felder des Deutschen Reiches, die aber dem Deutschen Reich nicht gehören, sondern Privatbesitz sind.


Vogl: Erstens das, und zweitens muss man sich gewissermaßen betrügen lassen, man muss an der Schaffung einer Glaubenstatsache mitarbeiten, am Glauben daran nämlich, dass es eine verlässliche Korrespondenz, einen belastbaren Zusammenhang zwischen immateriellen spirituellen Ereignissen, aufgedruckt auf einem Zettel Papier, und materiellen Dingen gäbe. Man muss an ein Versprechen glauben, das sich nicht halten lässt, kein Mensch, der diese erstaunlich stabile Rentenmark im November 1923 in der Hand hielt, hätte hingehen, hätte in die Rentenbank gehen und einen Quadratmeter deutschen Bodens verlangen können.


Kluge: Er gehört ihm nicht.


Vogl: Er gehört ihm nicht, und der Glaube besteht darin, einen Als-ob-Besitz herzustellen, man operiert also mit diesem Geld, als ob es einen festen Referenten, einen Anspruch auf Wertsubstanz enthielte. In der Hand halte ich aber nur ein Papier mit der aufgedruckten Zahl »Eins«, ein geradezu immaterielles und phantastisches Datum.


Kluge: Da kann bis 1949 eine Rüstungsindustrie eine Liquidation des Krieges, also eine ganze Menge, wirklich bezahlen, wirkliche Leistung erfordern, und das Gefühl, das hier auf dem gedruckten Papier steht, heißt, wir sind noch alle zusammen, wir sind nach der Krise der Goldmark, der Weltkriegsmark immer noch alle da, wir sind noch sehr lebendig, und auf diese Gegenseitigkeit wird die Reichsschatzanweisung gegeben.


Vogl: Das ist richtig, und im Grunde wird die Gründung einer Gemeinschaft, einer neuen Gemeinschaft mit einer winzigen Operation, das heißt mit der Ersetzung einer Zahl mit zwölf Nullen durch die Zahl Eins bewerkstelligt, ein Sozialverband, der, wenn Sie so wollen, mit dieser wirkungsvollen Illusion von neuem zu funktionieren beginnt.


Kluge: Insofern erzählt Geld immer eine Geschichte. Darin wird es wieder dem Roman ähnlich, aber sehr viel abstrakter.


Vogl: Es gibt ja Romane, die versuchten, diese Geschichte zu erzählen, und in denen es genau darum geht, wie sich unsichtbare Transaktionen, immaterielle Ereignisse dieser Art tatsächlich in Erzählungen selbst niederschlagen können.


Kluge: Der Roman eines französischen Schriftstellers?


Vogl: Von Emile Zola mit dem Titel: Das Geld.

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Alexander Kluge

Alexander Kluge

ist promovierter Rechtsanwalt, Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er für sein umfangreiches literarisches Werk 2003 den Georg-Büchner-Peis, für seine Kinofilme und Fernsehproduktionen 2008 den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie; sein Lebenswerk wurde mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt. Seit 1988 produziert Alexander Kluge unabhängige Kulturmagazine im deutschen Privatfernsehen: »›Fernsehen der Autoren‹ in homöopathischer Dosis«.

Weitere Texte von Alexander Kluge bei DIAPHANES
Joseph Vogl

Joseph Vogl

ist Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin und Permanent Visiting Professor an der Princeton University, USA. Mit »Das Gespenst des Kapitals« (2011) hat Joseph Vogl  »einen heimlichen Bestseller geschrieben, der weit über die Feuilletons Aufsehen erregte« (DER SPIEGEL).

Weitere Texte von Joseph Vogl bei DIAPHANES
Alexander Kluge, Joseph Vogl: Soll und Haben

Alexander Kluge, Joseph Vogl

Soll und Haben
Fernsehgespräche

Broschur, 336 Seiten

PDF, 336 Seiten

Das deutsche Privatfernsehen ist nicht eben bekannt für seine niveauvollen Diskussionsformate; umso überraschter hält der mitternächtliche Zapper inne, wenn auf einem der Kanäle Sätze fallen wie: »Ökonomischer Aberglaube ist so etwas wie das Spektrum bürgerlicher Tugenden« oder »Die Lösungen liegen immer auf der Straße, im Verkehr«. Er ist, unzweifelhaft, in eines der im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdigen Kulturmagazine von Alexander Kluge geraten.

Alexander Kluge, der wohl eigensinnigste Autor, Filmemacher, Philosoph, Kulturtheoretiker, Regisseur, Medienpolitiker und Chronist Deutschlands, produziert seit 1988 unabhängige Kulturmagazine im deutschen Privatfernsehen. Seit 1994 ist der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl regelmäßiger Gast in seinen Sendungen. Alexander Kluges charakteristische Interviewtechnik hat in ihm ihr kongeniales Gegenüber gefunden. Ergebnis der beiderseitigen Passion sind über vierzig Fernsehinterviews, die eine eigene Kunst der zielführenden Abschweifung kultivieren und das Genre völlig neu erfinden.

Soll und Haben versammelt erstmals eine Auswahl dieser Gespräche in Buchform. Das thematische Spektrum reicht quer durch die Zeiten und Kulturen. Ob Vogl jedoch über Amoklauf spricht, über Kapitalismus in Ostindien, globalisierte Gefühle, politische Tiere oder den geheimen Zusammenhang von Terror und Macht, Dichtung und Bürokratie, Kluges insistierende Präsenz bringt den Befragten nicht nur immer dazu, mehr und anderes zu sagen als das vorher Gewusste, das öffentlich bereits Niedergelegte. Und immer ergeben sich auch schlaglichtartige Erhellungen der aktuellen Verhältnisse: »Aus der Ferne kommt unser Nächstes zurück«.