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Cornelius Borck: Schreibende Gehirne
Schreibende Gehirne
(S. 89 – 110)

Cornelius Borck

Schreibende Gehirne

PDF, 22 Seiten

Die experimentelle Physiologie verstrickte die Psyche in ein Gespinst von Messwerten und Kurven. Die Unanschaulichkeit der Daten wurde durch eine Metaphorik kompensiert, die grafische Spuren als eine Schrift ansah, die entziffert und verstanden werden kann. Obwohl es keinerlei Anhaltspunkte dafür gab, dass die Grafen einer Sprache mit Zeichen und Gliederungsebenen vergleichbar seien, schienen die auf dem Papier sich schlängelnden Kurven des EEG dennoch als Hirnschrift lesbar zu sein. Jede Verbesserung der EEG-Technik rief neue Möglichkeiten hervor, Schriftformen zu generieren und immer weiter zu differenzieren. Die riesige Menge von Zeichen, die auf diese Weise produziert wurde, erforderte schließlich eine neue Technik des Lesens: Die Kurven wurden nicht mehr entlang physiologisch objektivierbarer Parameter dekodiert, sondern es wurde eine mustergestützte Bilderkennung betrieben.

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Cornelius Borck

Cornelius Borck

ist Direktor des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität Lübeck. Vorher war er Canada Research Chair in Philosophy and Language of Medicine an der McGill University in Montreal, Kanada. Von 2002 bis 2004 leitete er die Forschungsgruppe »Das Leben schreiben. Medientechnologien und die Wissenschaften vom Leben« an der Fakultät Medien der Bauhaus Universität Weimar. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geschichte biomedizinischer Visualisierungsverfahren, Epistemologie des Mensch-Maschine-Verhältnisses, Mensch-Maschine-Verhältnisse in Kunst und Wissenschaft, Experimentalkulturen zu Gehirn und Geist, Sinnes- und Neuroprothesen, Hirnforschung zwischen Medientechnik und Neurophilosophie.

Weitere Texte von Cornelius Borck bei DIAPHANES
Cornelius Borck (Hg.), Armin Schäfer (Hg.): Psychographien

Armin Schäfer (Hg.), Cornelius Borck (Hg.)

Psychographien

Broschur, 352 Seiten

PDF, 352 Seiten

Die Psyche ist zum Inbegriff von Eigentümlichkeit und Identität des Menschen geworden, gleichwohl sie tief in neuroanatomischen Strukturen, biochemischen Prozessen und genetischen Dispositionen verankert ist und einem ständigen historischen Wandel unterliegt.

Dieser Band schreibt die Geschichte dieser permanent unruhigen Differenz als Teil einer allgemeinen Mediengeschichte: Handschrift und elektrische Schaltungen, Film und Rechenmaschinen, Literatur und Institutionen haben das Verständnis der Psyche maßgeblich geprägt. So erweist sich, dass sich die Psyche nicht von ihrer Erforschung abtrennen lässt, die dasjenige, was sie beschreibt, mit erzeugt: Es sind die Mächte der Medientechnologie, der Verwaltung und der Phantasmen, die den Anschein erwecken, dass der Mensch ein beseeltes Wesen sei.

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