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Daniel Tyradellis: Die Perverse
Die Perverse
(S. 125 – 130)

»Tatsächlich ist manifeste physische Gewalt unter Akademikern selten«

Daniel Tyradellis

Die Perverse



Jede Perversion ist ein Altruzid,
 also ein Mord am Möglichen.
 Gilles Deleuze



Sie senkte die Stimme. Immer wenn es wichtig wurde, verringerte sie solcherart ihren Ausdruck. Vor der Gruppe sitzend, markierte sie die tiefe Konzentration, die Erschöpfung, aus der heraus sie gerade noch die Kraft aufbrachte, das Entscheidende vorzutragen – als Frucht wochen- und monatelanger Arbeit in Bibliotheken, Archiven und sonstigen Denkstätten. Sie schaute dabei niemals in die Richtung derer, zu denen sie sprach, sondern stets nach unten und ins Leere, so als sei das Gesagte verbunden mit der Kümmernis und Einsamkeit einer Wahrheit in ihrer unbarmherzigen Wucht. Wie der Großinquisitor trug sie die Last dieser Welt.


Ich saß da und dachte: Was für ein affektierter Unsinn. Oder handelte es sich nur um eine Art Autosuggestion, ein ins Auditive transformiertes Fort-da-Spiel? Denn die Attitüde schien auch zu sagen: Ich bin ganz bei mir und zugleich fast nicht da, vielmehr ganz beim Wissen. Vielleicht suchte sie auch durch die Modulation ihrer Stimme Widerstand gegen die Position zu leisten, die ihr die universitäre Struktur vorschrieb. Oder, horribile dictu, im Gegenteil sie zu stärken, indem das, was sie sagte, fast unhörbar und insofern unangreifbar wurde wie der ihr zugewiesene Platz. Denn was sie sagte, nun ja, es war nicht wichtig. Aber da man so damit beschäftigt war zu hören, dass gesagt wurde, blieb kaum mehr Zeit zu überlegen, was gesagt wurde. Spricht sie da? Oder spricht hier eine Struktur, die nicht anders kann als diese Stelle in ein und derselben Geste zu exponieren und zu verbergen? Ist das die Wahrheit der universitären Gewalt? Dass sie behauptet, keine zu sein, nicht persönliche Äußerung, sondern lediglich ein mehr oder minder starkes Echo der rekonstruierten oder prognostizierten Wahrheit? Moi, l’agent de la verité, je parle. Macht das die Attraktion der Wissenschaft aus, diese behauptete Neutralität des universitären Austauschs, als Ort reiner Mittel und mithin der Absenz von Gewalt? Welcher Gewalt?


Tatsächlich ist manifeste physische Gewalt unter Akademikern selten. Da sie aber in menschlichen Sphären niemals wirklich abwesend, sondern höchstens sublimiert ist, kann das nur bedeuten, dass die Gewalt andere Gestalten annimmt. In Frage steht somit ihre spezifische Codierung innerhalb der Universität, deren Leitmedium immer noch und vielleicht auf immerdar das Wort ist. Kein Bild, kein Gefühl und nicht einmal eine Formel kann ihm diese Rolle streitig machen. Im Unterschied zu allen anderen wissenschaftlich akzeptierten Medien scheint beim Wort entweder keine Übersetzung vonnöten, oder die Tilgung der Wissensdifferenzen erfolgt diskursiv innerhalb des Mediums. Die Autorität liegt einzig und allein bei der Wahrheit, die sich innerhalb des Mediums zeigt. Auch wenn ein herrschaftsfreier Diskurs ein Unding ist, gibt sich die Wissenschaft gerne im Namen dieser Immanenz den Anschein, ihn zu verkörpern oder zumindest als Ideal anzustreben. Sein Misslingen kann nicht in der Struktur, sondern muss in der psychischen Disposition der Einzelnen begründet sein. Damit kommt die Stimme ins Spiel. Ihre Individualität hat so gering zu sein wie nur eben denkbar – und bleibt doch entscheidend, um als Signum des kopräsenten Körpers im Raum die Gewalt zu hegen und nicht todestriebartig ins Chaos gleiten zu lassen. Darum ist sie so überdeterminiert: In ihr verbindet sich das Symbolische mit dem Realen im Medium selbst. 


Was bedeutet das für die, die ihrer Position entsprechend exponiert spricht? Ein Blick in die klinische Analytik, vertreten durch Maurice Hurni und Giovanna Stoll, gibt Aufschluss: Eine »Eigentümlichkeit in der Rede von Perversen wurde uns erst spät deutlich: Sie ist oft schlecht erkennbar. Erst allmählich haben wir verstanden, dass es keineswegs Zufall war, wenn wir so oft gezwungen waren, die Ohren zu spitzen oder die Patienten zu bitten, ihre Worte noch einmal zu wiederholen; es war dies eine Technik zur Verunsicherung eines Gesprächspartners, der auf diese Weise in die Rolle eines Bittstellers gedrängt wurde.« Die Senkung der Stimme bis zur Unhörbarkeit im Gespräch ist strukturell pervers, so pervers wie jede Wissenschaft, die sich ihres willkürlichen Charakters uneingestanden gewahr ist und dies mit einer trotzigen Unfähigkeit beantwortet, dafür die Verantwortung zu übernehmen, indem sie sie mit überprüfbaren und das heißt angreifbaren Aussagen materialisierte. Denn über die Psychopathologie einer Gruppe entscheidet maßgeblich die Autorität bzw. die Beziehung, die in dieser Gruppe in Bezug auf die Autorität vorherrscht. Das ist jene Position, die das geschriebene Wort ignorieren zu können meint. In jeder tatsächlich agierenden Gruppe ist sie unvermeidlich. Diese Aporie ist so alt wie die abendländische Konjunktur des Wissens. Ähnlich wie die Chrematistik, die Aristoteles so beunruhigte, weil sie den Oikos im Sinne reiner Zeichenliebe zu unterwandern imstande war, verhielt es sich mit der Figur des Wissenden, wie es Jacques Lacan formulierte: »Die Perversen, man fing nun an, welchen zu begegnen, es sind die eben, die Aristoteles um keinen Preis sehen wollte. Es gibt bei ihnen eine Subversion des Betragens, gestützt auf ein Savoir-faire, welches verbunden ist einem Wissen, dem Wissen um die Natur der Dinge, es gibt da eine direkte Schaltung des sexuellen Betragens auf das, was seine Wahrheit ist, nämlich seine Amoralität.«


Ob das Verhalten einer Gruppe überhaupt mit Mitteln der Psychoanalyse zu beschreiben ist, ist unklar. Freud tendierte dazu, sie in Termini der Neurose zu fassen. Ein Vater der Gruppentherapie, Wilfred R. Bion, hielt ausgehend von praktischen gruppentherapeutischen Erfahrungen (die Freud nicht hatte) die Psychose für die bessere Kategorisierung für Gruppenverhalten. Ich meinerseits erhebe hier und jetzt die neutralisierte Stimme und schlage mit der Perversion die noch offene dritte Möglichkeit vor. Gemeint ist damit nicht eine sexuelle Handlungsweise, deren Akzeptanz kulturell variabel bleibt, sondern ein bestimmtes Verhältnis zur Struktur, innerhalb der man sich bewegt und in Bezug auf Andere definiert. »Es gibt da«, schreibt Bion, »gleichsam eine symbolische Reduktion, die fortschreitend die gesamte subjektive Struktur der Situation eliminiert hat und nur noch einen vollständig desubjektivierten und letztlich rätselhaften Rest bestehen läßt, denn er bewahrt die gesamte Last […] dessen, was auf der Ebene des Anderen die artikulierte Struktur ist, in die das Subjekt einbezogen ist.« Dies gilt in der Familie, in anderer Weise vielleicht, aber auch – und eben dies steht hier zur Disposition – in der Gruppe. Denn ohne Zweifel war sie, deren Attitüde der Unverständlichkeit mich so nervte, außerhalb der Gruppe mehr neurotisch denn pervers.


Während die Universität lange Zeit, nämlich seit Descartes, eher nach dem Prinzip einer Zwangsneurose organisiert war, in der methodischer Zweifel und die offensiv-konkurrenzhafte Auseinandersetzung (deren Komplize die Schuld ist – auch deshalb sind die Geschichte der Wissenschaft und die Geschichte des Christentums so eng miteinander verbunden; auch deshalb ist das, was wir heute unter Wissenschaft verstehen, so wenig geeignet, die politischen Probleme der Gegenwart zu denken) die Menschen antrieb, hat in den letzten Jahren eine immer stärkere Hysterisierung der Wissenschaften eingesetzt. Nicht mehr: »Was ist die Wahrheit?« ist das Movens, sondern die Frage: »Was wollt ihr hören?« Nicht mehr die Sache, um derentwillen man den Anderen kritisiert, steht im Mittelpunkt, sondern von vornherein dieser Andere, an den man sich anschmiegt oder an dem man sich abarbeitet. Ein eigenes Fragen, Domäne der Zwangsneurotiker, hat kaum noch eine Lobby.


Damit ist die Position derjenigen, die per definitionem über Mehr-Wissen und Savoir-faire verfügen, doppelt vakant. Weder lässt sie sich positiv aus dem Wissen begründen, ohne in einen Zirkel zu geraten; noch gestattet sie die Möglichkeit einer Grenzüberschreitung: »Die imaginäre Dimension stellt sich daher jedes Mal, wenn es sich um eine Perversion handelt, als überwertig dar«, so Lacan. »Dies ist ein Sprechen, das durchaus ein Sprechen des Subjekts ist, doch weil es in seiner Beschaffenheit als Sprechen eine Botschaft ist, die das Subjekt in seiner umgekehrten Form vom Anderen empfangen muß, kann es ebensogut im Anderen verbleiben und darin das verdrängte und Unbewußte konstituieren und so eine mögliche, aber nicht realisierte Beziehung einrichten.« Entsprechend gibt es kaum jemanden, der diese Position auszufüllen willens oder in der Lage wäre. Alles im Namen des Schönen und Guten richtig machen zu wollen (also sich vor sich und anderen hinter sanktionierten Kategorien zu verbergen – Azephal Typus I, könnte man dies in Anlehnung an Bataille nennen) oder unkalkulierbar seine Autorität zu beweisen (also sich durch Entzug gegenüber den wissenschaftlichen Diskursverfahren zu immunisieren – Azephal Typus II) – beides macht es unmöglich, die Leerstelle angemessen auszufüllen. So gelangt man von der Neurose im Kleinen zur Perversion im Großen: Sie manifestiert sich als Verleugnung der Kastration, indem man sich einerseits hinter freiwillig-unfreiwilligen Wahrheitsagenten versteckt und andererseits Figuren historisch zu neutralisieren sucht, die die notwendigen Stepppunkte in diesem Prozess markiert haben. Texte werden »diskurs­analysiert« und jede individuelle Spur, jeder eigene Ton wird im Namen subjektferner Prozesse getilgt; kybernetisch inspirierte »Systemtheorien« suggerieren die Möglichkeit einer subjektfreien Maschinenbeschreibung jenseits klassischer Maschinenlogik; »Dekonstruieren« bleibt stets darauf an­gewiesen, dass jemand anderes das Wort bereits ergriffen hat (Derrida wurde nicht müde, darauf hinzuweisen); die Rede von »epistemischen Dingen« und »Akteur-Netzwerken« inszenieren dasselbe auf ihre Weise. In und mit Theorien agieren Figuren, die zwischen Angst und Willkür oszillieren. Die Gewalt ist so unsichtbar gehegt, dass sie ubiquitär ist. 


Das Residuum deklarierter Autorität ist das Ökonomische: die Anpassung an die so genannten Erfordernisse der Gegenwart, die Optimierung der Lern-, Forschungs- und Denkprozesse, als wüsste man, woraufhin zu optimieren sei. Im Namen dieser Zwänge gestattet die Struktur immer weniger an experimentellem Freiraum, um das Gelernte im eigenen Namen, d.h. mit den Mitteln und Argumenten der eigenen Biografie und des eigenen Schicksals zu befragen. Mein Leben, entschuldigen Sie, da werden Sie und ich sich noch ein wenig gedulden müssen, die effizienzgesteigerte Wissenschaft, deren stolzer Diener ich bin, geht vor. Ob das, was man da forscht, in irgendeiner Weise von Interesse (für einen selbst, für andere) ist, diese Frage wird aus denselben Gründen noch nicht einmal ignoriert. Bleibt nur die Sehnsucht nach dem, der seine Stimme erhebt und laut und deutlich unverständlich bleibt; Bion: »Ja, fast könnte man denken, es wäre weniger irreführend, wenn jeder Einzelne in der Gruppe eine Sprache spräche, die den übrigen unbekannt wäre. Dann wäre doch die Gefahr geringer, daß wir glauben, verstanden zu haben, was jeder der andern gesagt hat.« Dringlich ist ein schwankender, experimenteller Richtungswechsel, tatsächlich erstmals xenophil tastend, sich einer immanenten Herausforderung entgegenstellend, lange gewartet auf Gelegenheiten, ehe Wahrheit in der Medialität einst tötet. Und nachdem die Bindungen es radikal negieren, hat auch ruhiges Dulden aufgesteckt – um Chaos hervorzubringen.


Hurni, Maurice und Giovanna Stoll: Der Hass auf die Liebe, Gießen 1999. / Aristoteles: Politik, 1256 B40–1258 A18. / Lacan, Jacques: Encore (Seminar XX), Weinheim, Berlin 21991. / Bion, Winfred R.: Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften, Stuttgart 32001. / Lacan, Jacques: Die Objektbeziehung ­(Semi- nar IV), Wien 2004.

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Daniel Tyradellis

Daniel Tyradellis

ist Philosoph und Kurator. Er promovierte bei Friedrich Kittler mit einer Arbeit zu Phänomenologie und Mathematikgeschichte und war langjähriges Mitglied des DFG-Graduiertenkollegs »Codierung von Gewalt im medialen Wandel« an der HU Berlin. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Medien und Denkweisen von Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Die »Pädagogik des Begriffs« versteht er als eine zentrale philosophische Aufgabe der Gegenwart und seine Ausstellungsprojekte als Experimente eines mit-teilenden Denkens im Raum, u.a. »10+5=Gott«, Jüdisches Museum Berlin 2004; »SCHMERZ«, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart/Berliner Medizinhistorisches Museum 2007; »Arbeit. Sinn und Sorge«, Deutsches Hygiene-Museum Dresden 2009/10; »WUNDER«, Deichtorhallen Hamburg 2011/12.

Weitere Texte von Daniel Tyradellis bei DIAPHANES
Lars Friedrich (Hg.), Karin Harrasser (Hg.), ...: Figuren der Gewalt

In Figuren nimmt etwas Gestalt an. Dieses »Etwas« mag die wissenschaftliche Neugierde sein, der Nachhall vergangener Verwüstungen, das verwirrte Murmeln aktueller Konflikte, die Freude am Fabulieren. Der Amokläufer, der Archivar, die Herausgeberin, die Null, der Testamentsvollstrecker, der Zauberkünstler: Sie und andere geben das Ensemble einer Revue von Miniaturen, die ausstellen, was man unter »Codierungen von Gewalt im medialen Wandel« verstehen könnte. Denn zwar ist Gewalt manchmal sichtbar und unmittelbar, viel häufiger aber ist sie verborgen und indirekt. Sie exponiert sich in den Erzählungen derer, die Teil ihrer Codierung sind: Gewalt-Fantasien. 

Mit Beiträgen von Jörn Ahrens, Janis Augsburger, Hendrik Blumentrath, Hartmut Böhme, Thomas Brandstetter, Lars Denicke, Elke Dubbels, Lars Friedrich, Karin Harrasser, Claudia Hein, Sabine Kalff, Gernot Kamecke, Harun Maye, Silvia Mazzini, Arno Meteling, Daniel Tyradellis, Joseph Vogl, Elisabeth Wagner, Sven Werkmeister, Michaela Wünsch, Burkhardt Wolf und Barbara Wurm sowie mit Zeichnungen von Nikolaus Gansterer.

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