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Johannes Lau: Elite
Elite
(S. 83 – 86)

C'est la guerre

Johannes Lau

Elite

PDF, 4 Seiten

Die Elite ist ein merkwürdiges Ding. Meint das Wort doch eigentlich eine Auswahl von aus irgendeinem Grund besonderen Menschen, weiß jeder was darunter eigentlich zu verstehen ist: die Besten der Gesellschaft, eben jene sogenannte andere »bessere Gesellschaft«, die man nicht wagt ausschließend Parallelgesellschaft zu nennen, weil sie dringend gebraucht wird. In Deutschland setzte sie sich lange Zeit aus Adel und Militär zusammen, weshalb man diesen Begriff dementsprechend unbewusst mit diesen Milieus assoziiert. Dementsprechend wird die Elite einerseits misstrauisch beäugt, weil man mit diesem Wort eben undurchsichtige Zusammenkünfte auserwählter Weniger im stillen luxuriösen Kämmerlein verbindet, deren Besprechungen den Vielen verborgen bleiben. Man neidet ihren Einfluss und beargwöhnt ihre Vereinbarungen. Andererseits verbinden sich mit ihr diffuse gesellschaftliche Heilsversprechen: Die Besten der Besten werden – sei es durch Rang oder Fleiß – ermittelt und versammelt, um voranzutreiben, was nach ihrer weisen Auffassung für alle am besten ist.

Wenn in Deutschland erneut einmal der Karren im Dreck steckt, dann sollen es meist doch wieder jene »da oben« richten – von denen man sonst doch immer nur meint, dass sie »machen, was sie wollen« und es eben diese auch häufig waren, die den Wagen erst in den Morast gelenkt hatten. So ließ sich ein von Napoleon besiegtes Preußen von ein paar Adligen reformieren, die jedoch »vergaßen« dabei das Land auch gleich zu demokratisieren. Oder ein in Schutt und Asche gebombtes Nachkriegsdeutschland beließ eben jene Nazis, denen die Bomben in erster Linie galten, zahlreich in Staatsdienst, Amt und Würden, weil es ohne Eliten nun einmal nicht geht. Zumindest ist das der Glaube, der sich durch jahrhundertelange Fürstenherrschaft und erfolglose Bürgerrevolutionen in deutschen Landen festgesetzt hat: Man braucht einfach eine Kaste Auserlesener, die den deutschen Dampfer auf Kurs halten. Ein Werbeslogan eines deutschen Automobilherstellers brachte diese tiefsitzende Mentalität einmal treffend auf den Punkt: Einer muss in Führung gehen.

So ist es nicht verwunderlich, dass gerade in der allgemeinen Krise der Universität sich in Deutschland ein Begriff ganz selbstverständlich und wenig hinterfragt in den Diskurs geschlichen hat, dem man eigentlich grundsätzlich misstrauen sollte: Jetzt soll wieder einmal die sogenannte »Elite« Deutschland aus der Patsche helfen – diesmal an den Universitäten. Nun ist die »Eliteuniversität« (↑ Exzellenz) grundsätzlich keine neue und auch keine explizit deutsche Idee. Der angelsächsische Raum hat seine Privatuniversitäten von Weltformat, Frankreich seine École normale supérieure. Es ist aber wenig verwunderlich, dass man in Deutschland nun ohne Gewissensbisse zum Label »Elite« greift. Denn nachdem man sich im Zuge der Bologna-Reform (↑ Bologna-Prozess) auch in Humboldts Heimatland von dem Idealismus verabschiedet hat, dass Bildung gesellschaftliches Allgemeingut sei, will man nun auch nicht hinten anstehen, sondern sich besonders eifrig hervortun. Einer muss in Führung gehen.

Universitätsbildung hat in erster Linie Ausbildung und somit nun offiziell und insgesamt, was sie auch vorher schon in breiten Teilen war, zu sein: das erste Glied in der Wertschöpfungskette. Weil es verbindliche Werte braucht, um Werte schöpfen zu können und da Werte durch Vergleich entstehen, müssen Unterschiede her. Das macht es notwendig, dass Universitäten, die jedem, der sich durch den entsprechenden Schulbesuch qualifiziert hat, schon ohnehin das Privileg eines Hochschulabschlusses in Aussicht stellen, nicht mehr gleich sein können. Es bedarf Institutionen, um die Vielversprechendsten unter den via allgemeiner Hochschulreife Auserwählten zu den Besten von morgen zu machen (↑ Begabtenförderung). Dabei sind die vielen anderen zum Studium befähigten Guten nun einmal ein Klotz am Bein. Das ist und war der Stand der Dinge – nicht nur in Deutschland. C’est la guerre.

Interessanterweise sieht man es aber nicht einmal mehr als notwendig an, in der an die Realität vernebelnden Begriffen nicht armen Sprache des Neudeutschen eine Bezeichnung zu finden, die die ganze Angelegenheit angenehm schleierhaft und somit kritikresistent, weil nicht verständlich, macht. Dass man im neuen bildungspolitischen Sprachgebrauch (↑ Bologna-Glossar) die Wörter »Elite« und »Universität« verknüpft, artikuliert ohne Scheu, worum es hier geht. Die organisierte Verknappung von Ressourcen zu ihrer Wertsteigerung, von denen man eigentlich dachte, dass sie in einer Demokratie nicht verknappt werden können, weil sie dort allen gehören und allen zugänglich sind: Bildung (↑ Bildung, kritische) und Wissen (↑ Leistungspunkte/ECTS). Das Kind beim Namen zu nennen zeigt, dass man mit diesem Konzept offenbar nicht befürchtet, auf Kritik zu stoßen, sondern im Sinne eines grundsätzlichen Einverständnisses handelt. Einer muss in Führung gehen.

Der deutsche Begriff der »Eliteuniversität« steht symptomatisch für den Ungeist Bolognas: Was besonders effektiv sein soll, daran können nicht alle partizipieren. In diesem Verständnis verderben nicht nur zu viele Köche den Brei, sondern auch zu viele Gäste. Schließlich sollen die akademischen Chefs in Ruhe an ihren Kreationen tüfteln und ihre erlesenen Jungköche ausbilden. Jene Laufkundschaft, die eine Gesellschaft und ihr staatlicher Schulbetrieb in Form von Hochschulbefähigungen nun einmal leider in so großen Mengen hervorbringen, lenkt dabei nur ab. Eliteuniversitäten bekommen eine Vorzugsbehandlung, um Auserlesenes zu produzieren: exzellente, sprich ökonomisch verwertbare, Forschungsergebnisse und große Köpfe, damit die Elite nicht ausstirbt und das Land folgerichtig anschließend nicht ins Chaos stürzt. Davon profitieren alle. Was die Eliteuniversitäten produzieren, kommt dem Wirtschaftsstandort zugute, folglich dem ganzen Land und dadurch auch dem gesamten Bildungssektor. Sozial ist, was Arbeit schafft, sagte einmal die oberste Schirmherrin der deutschen Exzellenzinitiative und rief später einhergehend mit dieser Logik eine »Bildungsrepublik« aus, die bald wohl aussehen wird wie die »blühenden Landschaften«, die ihr politischer Ziehvater einst versprach. Gegen Arbeitsplätze wird aber wohl niemand sein wollen, weshalb auch an Eliteuniversitäten nichts auszusetzen sein kann. Denn irgendwann bekommen alle irgendwie irgendein Stückchen aus der Küche. Wie gut diese große neoliberale Theorie des Durchsickerns funktioniert, konnte jeder seit ihrer Herausbildung in den 1980er Jahren weltweit beobachten.

Der Grundfehler der Anwendung dieses Prinzips auf die Hochschulen im Besonderen ist jedoch, dass das, was Universitäten »produzieren«, sich nicht immer an klaren Wertschemata messen lässt (↑ Ranking) und es somit Universitäten, die ein besseres, erlesenes, eben elitäres Wissen produzieren, nicht geben kann. Diese Umgestaltung der deutschen Hochschullandschaft zur besseren Ausbildung der buchstäblich besseren Gesellschaft verdrängt wissentlich oder unwissentlich, was universitäre Bildung eigentlich sein sollte: die Anleitung zum kritischen Denken, zum Hinterfragen der eigenen Umwelt und zur Anwendung des selbsterarbeiteten Wissens, um die Gesellschaft entsprechend mitgestalten zu können. Die politischen Initiativen, die darauf abzielten, die Universitäten allen Bevölkerungsschichten zu öffnen, waren auch immer geleitet von der Überzeugung, dass eine Erziehung zur Mündigkeit die Grundbedingung einer wahrhaft demokratischen Gesellschaft ist. Das Land, das zur Reflexion fähige Bürger hat, braucht keine Stellvertreter, die unbeobachtet erledigen müssen, was die zahlreichen Ahnungslosen nicht können, weil es dann eben keine Ahnungslosen mehr gibt. Es wird mit einem Begriff operiert, der klar und deutlich ausspricht, dass nun auch vor den Universitäten ein politischer und gesellschaftlicher Wandel nicht Halt macht. Dies erkannte gewohnt hellsichtig Heiner Müller schon vor zwei Jahrzehnten: »In München stand vor zwei Jahren auf dem Gebäude der Deutschen Bank der Satz: Aus Ideen werden Märkte. Das ist die Formel für das, was jetzt passiert.«

Dass nun der Begriff der Elite ohne große Widersprüche so Seligkeit verheißend benutzt wird, zeigt aber auch, dass es mit jener Mündigkeit offenbar doch nicht soweit her ist. Deshalb ist das Konzept der Eliteuniversität zwar eine mustergültige Umsetzung der europaweiten Reformbeschlüsse insgesamt. Der Begriff selbst jedoch scheint ein besonders deutscher Ausdruck des gesamteuropäischen Irrsinns von Bologna zu sein. Dass das landesweit bislang nur an den Universitäten mulmige Gefühle erzeugt hat, zeigt, dass die Existenz einer Elite den deutschen Michel offenbar nicht wirklich beunruhigt: An ein paar Orten in der Republik werden Menschen unter dem vollen Einsatz des besten Personals und umfangreicher Ressourcen ausgebildet, die im Notfall eben wissen, was zu tun ist. Warum soll nicht, was den deutschen Fußball gerettet hat, nun auch die Dichter und Denker (↑ Intellektuelle) retten. Jedoch ist demokratiepolitisch und aufklärerisch bereits dieser Notfall eingetreten, wenn man es mangels besseren Wissens jemand anderem stumm und ergeben überlassen muss, was zu tun ist. Dass solch eine unkritische Delegierung einer Demokratie aber langfristig schadet, sollte weiterhin lautstark thematisiert werden. Muss einer die Führung übernehmen?

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Johannes Lau

studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft in Wien und Aix-en-Provence. Er lebt und arbeitet in Wien als freier Journalist.

Unbedingte Universitäten (Hg.): Bologna-Bestiarium

Unbedingte Universitäten (Hg.)

Bologna-Bestiarium

Broschur, 344 Seiten

PDF, 344 Seiten

»ECTS-Punkte«, »employability«, »Vorlesung« – diese und viele weitere Begriffe sind durch die Bologna-Reformen in Umlauf geraten oder neu bestimmt worden und haben dabei für Unruhe gesorgt. Die Universität ist dadurch nicht abgeschafft, aber dem Sprechen in ihr werden immer engere Grenzen gesetzt. Anfangs fremd und beunruhigend, fügen sich die Begrifflichkeiten inzwischen nicht nur in den alltäglichen Verwaltungsjargon, sondern auch in den universitären Diskurs überhaupt unproblematisch ein.

Das Bologna-Bestiarium versteht sich als ein sprechpolitischer Einschnitt, durch den diese Begriffe in die Krise gebracht und damit in ihrer Radikalität sichtbar gemacht werden sollen. In der Auseinandersetzung mit den scheinbar gezähmten Wortbestien setzen Student_innen, Dozent_innen, Professor_innen und Künstler_innen deren Wildheit wieder frei. Die Definitionsmacht wird an die Sprecher_innen in der Universität zurückgegeben und Wissenschaft als widerständig begriffen.

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