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Barbara Vinken: Gender-Mainstreaming
Gender-Mainstreaming
(S. 113 – 114)

Meilenweit entfernt

Barbara Vinken

Gender-Mainstreaming

PDF, 2 Seiten

Universitätspolitik ohne die Kategorie »Gender« ist im Moment in der BRD nicht denkbar: Die deutschen Universitäten müssen, das ist Konsens, internationaler und weiblicher werden. Ein hoher Frauenanteil ist Mittel im Kampf um die Exzellenzgelder (↑ Exzellenz) geworden. Mehr Frauen auf allen Ebenen, aber besonders auf den höchsten, werden allerorten eingefordert. Programme werden aufgelegt, um den Frauenanteil zu steigern: Mentoring, Promotions- und Habilitationsstipendien für Frauen werden geschaffen, Boni für einen hohen Berufungsanteil an weiblichen Professoren bereitgestellt. Mittlerweile geht es auch nicht mehr in nur paternalistischer Weise um die Förderung von »jungen Frauen«, die dann alles anders und besser machen sollen. Besonderes Augenmerk richtet sich auf international renommierte Professorinnen. Offen wird über Quoten nachgedacht. Sogar Kindertagesstätten werden eingerichtet. Wie sind Beruf und Familie zu vereinbaren? Wie eine attraktive work life balance auch für Frauen finden? Allen ist klar, dass es ein Unding ist, dass der Vorstand der Thyssenstiftung bis heute ausschließlich mit Männern besetzt ist. Und die DFG weiß, dass etwas getan werden muss, wenn sich so gut wie keine herausragenden Wissenschaftlerinnen auf die ERC grants bewerben und Deutschland, was den statistisch kaum mehr erfassbaren Frauenanteil angeht, in Europa wieder mal wie gewohnt an so gut wie letzter Stelle steht.

Alles gut. Trotzdem frage ich mich, ob die Misogynie bei Männern wie bei Frauen unter all dem guten Willen und der political correctness nicht wächst und üppige Blüten treibt. Und ob unsere Fähigkeit, Frauen als ↑ Intellektuellen, als Autoritäten einen Platz einzuräumen, wirklich zugenommen hat. Ob wir sie, uns, nicht ganz selbstverständlich weiter der damnatio memoriae überantworten und den Geist wie eh und je für männlich halten. Natürlich finden wir es, fragt man uns explizit, vollkommen selbstverständlich, Frauen in den Kanon der großen Denker aufzunehmen – bloß passiert es nicht und niemandem fällt jemand ein. Vor kurzem hörte ich einen Vortrag zum Stand der Literaturtheorie. Die letzten fünfzig Jahre passierten Revue. Der Vortragende war im wirklichen Leben zweifellos absolut frauenfreundlich. Aber keine einzige Frau wurde unter den Autoritäten genannt. Wobei es an wirklich ganz großen Namen zwischen Julia Kristeva und Luce Irigaray, Hélène Cixous und Shoshana Felman – wenige zu nennen – weiß Gott nicht gefehlt hätte. Eine Frau kam vor: und die hatte alles ganz falsch verstanden. Das schlimmste war, dass alle – Studentinnen eingeschlossen – das für das Natürlichste der Welt hielten. Es fiel überhaupt nicht auf. Ein Kollege aus New York erzählte mir einen Tag später, dass ihm, wenn er in Deutschland Männer nach interessanten Intellektuellen fragt, so gut wie nie eine Frau genannt wird. Wenn er Professorinnen aus Deutschland fragt, sieht es – fast – genauso traurig aus. So als ob Frauen hierzulande nur über Frauen und all things female kompetent sprechen könnten. Folglich sind wir vom Gender Mainstreaming meilenweit entfernt. Gender Mainstreaming haben wir erst erreicht, wenn es für uns selbstverständlich ist – und tatsächlich passiert – Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Autorinnen, Philosophinnen in den Kanon aufzunehmen. Wenn wir sie lehren nicht weil das pc ist, sondern weil wir sie lehren wollen. Und wir uns nicht anzustrengen brauchen, sondern uns selbstverständlich jemand einfällt. Wenn wir darüber einfach nicht mehr zu reden brauchen, weil wir es tun.

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Barbara Vinken

ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie war Gastprofessorin unter anderem an der New York University, der EHESS (Paris), der Humboldt-Universität (Berlin) und am Franke Center for the Humanities an der University of Chicago.

Unbedingte Universitäten (Hg.): Bologna-Bestiarium

Unbedingte Universitäten (Hg.)

Bologna-Bestiarium

Broschur, 344 Seiten

PDF, 344 Seiten

»ECTS-Punkte«, »employability«, »Vorlesung« – diese und viele weitere Begriffe sind durch die Bologna-Reformen in Umlauf geraten oder neu bestimmt worden und haben dabei für Unruhe gesorgt. Die Universität ist dadurch nicht abgeschafft, aber dem Sprechen in ihr werden immer engere Grenzen gesetzt. Anfangs fremd und beunruhigend, fügen sich die Begrifflichkeiten inzwischen nicht nur in den alltäglichen Verwaltungsjargon, sondern auch in den universitären Diskurs überhaupt unproblematisch ein.

Das Bologna-Bestiarium versteht sich als ein sprechpolitischer Einschnitt, durch den diese Begriffe in die Krise gebracht und damit in ihrer Radikalität sichtbar gemacht werden sollen. In der Auseinandersetzung mit den scheinbar gezähmten Wortbestien setzen Student_innen, Dozent_innen, Professor_innen und Künstler_innen deren Wildheit wieder frei. Die Definitionsmacht wird an die Sprecher_innen in der Universität zurückgegeben und Wissenschaft als widerständig begriffen.

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