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Wissenschaft

Carl Einstein und die Entgrenzung der Moderne
Carl Einstein und die Entgrenzung der Moderne

Anselm Franke (Hg.), Tom Holert (Hg.)

Neolithische Kindheit

Die Verbindung der Frühgeschichte der Menschheit (im Fall des Neolithikums: am Übergang von nomadischen zu sesshaften Formen der Vergesellschaftung) mit den frühen Stadien in der Entwicklung jedes Individuums, die Einstein in Arps Reliefs der späten 1920er Jahre ausmachte, verweist auf ein verbreitetes Interesse des 20. Jahrhunderts, die Gegenwart mit einer weit zurückreichenden Vergangenheit kurzzuschließen. Einstein trug aktiv zu den entsprechenden Spekulationen über die Tiefenzeit er sich kritisch zu den oft reaktionären Begründungserzählungen und Archaisierungen, auf die viele dieser Spekulationen hinausliefen. Sein...
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Aktuelle Texte

Andreas L. Hofbauer

Joch des Seins

Nicht durch Natur und ihre Fährnisse wurde Domestizierung erzwungen und der ökonomische Schrein ermöglicht. Tempel- und Totenkult, Opferung und Verteilung des Fleisches – noch für Homer sind alle Schlachttiere hieria, heiliges Vieh – und die Einhegung der Wildheit produzieren symbolischen und soziokulturellen Wandel, der für sesshafte, nahrungsproduzierende Gemeinschaften zu Vektor und Motor wird. Nicht Schafe, Ziegen oder Rinder domestizierte man im Anfang, sondern das zoon logon echon selbst war es, das sich vor und unter dem selbstgeschaffenen Kult-Joch verneigte. Warum, wissen wir nicht. Darüber hinaus ist entscheidend, dass, anders als bei den Pflanzen, sich nur sehr wenige Tierarten domestizieren (zur Ressource machen) lassen und man diesen Vorgang nicht mit Zähmung verwechseln sollte. Als Epiphänomen entwickelt sich ökonomischer Sinn. Er transformiert sich vom möglichen Menschenopfer, zum Tieropfer, zu Fleischteilung, in der Frühzeit der »griechischen« Antike dann zu den obeloi (Bratspieße, versehen mit unterschiedlichen Verdickungen, die als Token für den Fleischsold der...

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Aktuelle Texte

Dieter Mersch

Digital Disrupture

Theorien des Digitalen beziehen ihre Konjunktur aus einer zweideutigen Lage. Zum einen besitzen sie ihre Herkunft in den Visionen und Utopien der gegenkulturellen Aufklärung der 1970er Jahre, aus denen nicht nur der Personal-Computer, sondern auch die Medienwissenschaften und Medientheorien hervorgegangen sind, die den digital disrupture theoretisiert und unter Reflexion gestellt haben und nach deren Diagnose wir vor einer ebenso nachhaltigen Zäsur stehen wie die frühe Neuzeit mit der Erfindung des Buchdrucks. Alle Zeichen und Inhalte bisheriger Kulturen stehen damit auf dem Prüfstand, werden transformiert und von einer Entwicklung überholt, deren weitere Dynamik kaum absehbar ist. Die mit der Digitalisierung verbundene technologische Wende, so die allgemeine Analyse, werde alle Lebensverhältnisse dermaßen verändern und von Grund auf durchschütteln, dass mit Marshall McLuhan und dessen zusammen mit Quentin Fiore verfassten Buch, dessen Titel ironischerweise nicht lautet: The Medium is the Message, sondern The Medium is the Massage, von einer gründlichen ›Massage‹ des gegenwärtigen...

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Themen
  • Farbe und Bedeutung

    Farbe und Bedeutung

    Who is afraid of Red, Yellow, Blue…?

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  • minima oeconomica

    minima oeconomica

    Analysen und Kritik moderner Ökonomie, deren Wissenschaft und Legitmation im Zeitalter der Finanzialisierung

    • Ökonomie
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    • Diskursgeschichte
    • Wirtschaft
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    • Finanzmärkte
Aktuelle Texte

Maria Filomena Molder

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren…«

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren«, schrieb Rimbaud am 15. Mai 1871 an Paul Demeny. Auch wenn es nicht immer offensichtlich scheint, ist »Ich«, die erste Person, zugleich die unbekannteste Person, ein Geheimnis, das sich ständig auf die anderen beiden, die zweite und die dritte Person, zubewegt, eine Reihe von Entfaltungen und Brüchen, die irgendwann zu »Je est un autre« verklumpte. Deshalb ist »apokryph« ein literarisch irrelevanter Begriff und »pseudo« ein Symptom, der schlagende Beweis, dass das Leben, das Schreiben, aus Echos besteht, was wiederum bedeutet, dass Einschaltungen und Diebstähle (auch dies spricht Borges an) stets das täglich Brot derjenigen sein werden, die schreiben.

Die Worte anderer, entstellte und verstümmelte Worte: Sie sind die Almosen der Zeit, die einzige Wohltat dieses Verschwenders. Und so viele andere, zumeist andere, die schrieben, und viele andere Seiten, allesamt apokryph, allesamt Echos, Spiegelungen. All dies fließt in den letzten Worten zusammen, die – zwei...

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In 62 Episoden bis zum Tod
In 62 Episoden bis zum Tod

Gertrud Koch

Breaking Bad

Albuquerque, New Mexico, eine Stadt in der Wüste und Zentrum des zweitärmsten Bundesstaates der USA bewirbt ihre Schönheiten mit dem Slogan »It’s a trip.« Viele treten ihn an, weil die Stadt unter ihren rund 500.000 Einwohnern fiktionalen Zuwachs bekommen hat: Die Figuren einer Fernsehserie des sogenannten Quality TV, Breaking Bad. Die von Vince Gilligan entwickelte Serie ist diesem Slogan gefolgt: Der Trip ist einer, der aus den kleinbürgerlichen, angloamerikanischen Bezirken der Wüstenstadt mit ihren säuberlich aufgereihten Häusern samt Swimming­pool, Barbecue...
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Aktuelle Texte

Dirk Baecker

Sache der Wissenschaft oder Person des Studenten?

Wie ein Dozent sein Prüfungsgeschäft versteht, macht die Korrektur direkt und indirekt deutlich, durch das, was geschieht, und durch das, was nicht geschieht. Die Minimalbedingung einer Korrektur ist, dass die stattgefundene Bewertung mit einer Note oder der Entscheidung bestanden/durchgefallen darauf hinweist, dass es eine Korrektur gegeben hat. Worauf diese Korrektur angesichts der Prüfungsleistung geachtet hat, was ihr positiv und negativ aufgefallen ist, was als richtig oder falsch, was als originell oder auswendig gelernt, was als oberflächlich oder reflektiert gewertet wurde, kann jedoch allenfalls dann erschlossen werden, wenn der Prüfer sich zu einem Kommentar entschließt, den er dem Prüfling zukommen lässt. […]

Der Gestaltungsspielraum, den die Korrektur auf der Ebene nicht der Bewertung, aber des Kommentars, das heißt der Begründung der Bewertung (noch) hat, verweist auf ein altes Selbstverständnis der Humboldt-Universität, das darauf vertraute, dass Dozent und Student erwachsen genug sind, um diesen Gestaltungsspielraum im Interesse beider auszuschöpfen. Das bedeutet nicht, dass...

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Aktuelle Texte

Erin Manning

Der radikale Empirismus des Netzwerks

Es gibt die Tendenz, eine bestimmte Website für das Netzwerk einstehen zu lassen. Wir glauben, das Aufrufen von Facebook konstituiere die Vernetzung. Im Netz ist das nicht sehr überraschend: Das Bindegewebe, das Seiten vernetzt, wird meist als Frustration des Wartens wahrgenommen. Hier gibt es keine Freude an der Beziehung. Empirismus flirtet mit Teleologie: Lass mich doch einfach dort ankommen! Warum ist das Netzwerk so langsam?! Vergiss die Ummauerung des Gartens – jede Seite, die Zeit braucht, scheint von der Erfahrung abgeschirmt zu sein.

Aber bedenke, dass dieses Warten auch Zeit herstellt. Es aktiviert eine neue Beziehungsanordnung, die neue Denkweisen entzündet. Dies kann nur passieren, wenn das ›Du‹ der Gleichung nicht mehr die vorliegende Erfahrung anordnet. Mach den/die Wissende/n selbst zur Beziehung. Radikaler Empirismus bedeutet den Weg für die disjunktiven und konjunktiven Beziehungsanordnungen zu ebnen, die ein gegebenes Ereignis aktivieren. »Jene Beziehungen, durch die Erfahrungen miteinander verbunden sind, [müssen] ihrerseits erfahrene Beziehungen sein,...

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